Ascheopfer – gestrandet auf Fuerteventura und Bali
Samstag 17.04.2010 in Giniginamar, Fuerteventura. Ich sitze mit meinen vier Kumpels gespannt vor dem Fernseher und verfolge die neuesten Nachrichten. Vulkanausbruch in Island, Aschewolke, tausende Flüge fallen aus. Der Eyjafjalla zeigt seine Muskeln. Unsere Kinnladen fallen nach unten. Die während der letzten Woche gesammelte Bräune weicht einem leichten Blass-Ton, unsere entspannte Laune verfliegt, wir schaun uns ungläubig an. Scheint, dass wir gestrandet wären. Ein Anruf beim Reiseveranstalter, wo wir den Flug gebucht haben, bestätigt unsere Vermutung: Wir gehören zu den hunderttausenden Asche-Opfern, die wegen des gigantischen Naturschauspiels nicht nach Hause kommen.
Gleiche Zeit, am anderen Ende der Welt, in Bali. Anita schickt mir folgende SMS: Kommen nicht nach Taipei. Alle Flüge gestoppt. Fahren grad wieder zurück zum Hotel“. Auch sie hängt fest. Ohne Info, wann´s weiter gehen soll. Keiner kann Auskunft geben, alle sind überfordert.
Die Rückflüge unserer „Auszeiten vor der Reise“ (noch einmal getrennt unterwegs sein bevor´s losgeht und wir 24h am Tag zusammen sein werden) hatten wir so getimt, dass wir fast gleichzeitig wieder Zuhause sein sollten. Jetzt sind wir beide gestrandet, auf zwei wunderschönen Inseln. Eigentlich eine Traumvorstellung. Aber die Realität ist halt oft anders. Wir haben noch viele Erledigungen zu machen, die Wohnung soll kommendes Wochenende geräumt werden, Arzttermine, letzte Impfungen…
Drei Tage warten. Ungewissheit, wann und wie´s weitergehen wird. Niemand kann helfen. Pläne Schmieden. Alternativen durchgehen. Fähre nach Europa? Um die 500€ pro Person, 50h unterwegs, dann irgendwo in Südspanien. Weiter mit Zug oder Mietauto. Eine Option, auf die wir gerne verzichten. SMS von Anita: „Könnte sein, dass wir am Dienstag nach Taipei kommen. Ist aber nicht sicher, ob es dann gleich weiter geht…“. Spannend. Wer wird wohl als Erster daheim sein? Sonntag und Montag vergehen, viel können wir nicht unternehmen, da wir in „Bereitschaft“ stehen. Warten im Appartment. Freunde Besuchen, Bier trinken, Fernsehen, Kite-Equipment versorgen. Jeden Augenblick könnte das Telefon klingeln. Leider Stille. Nachrichten verfolgen: Flughäfen in Deutschland weiterhin gesperrt. Österreich macht auf. Italien, Spanien, Schweiz, Ungarn folgen. Deutschland? Fehlanzeige. Zu gefährlich laut Flug-Sicherheitsbehörde. Anruf beim Reiseveranstalter. Uns ist es wurscht, ob wir nach München, Wien, Budapest oder sonst wohin kommen, Hauptsache weg von der Insel. Wieder werden wir vertröstet. Wir sollen weiterhin auf gepackten Koffern sitzen. Dienstag 12:46. Das Telefon klingelt, der Reiseveranstalter: „Um 15:45 geht eine Sondermaschine nach Wien. Haben 40 Plätze bekommen. Wenn sie schnell sind, dürfen sie mit.“ Mobilmachung. Räumen das Appartment, springen ins Mietauto. Auf der Hauptstraße überholen uns voll bepackte Mietautos, Reisebusse drosseln unser Tempo. Alle das gleiche Ziel: Airport in Puerto del Rosario. Mietauto abgeben. Ab zum Check-In. Es herrscht Chaos pur. Alle wollen heim, haben Inselkoller. Gedränge an den Schaltern, Streitereien, überforderte Assistentinnen der Reiseveranstalter. Jeder hat Fragen an die bedauernswerten Damen, die alles in ihrer Macht stehende versuchen, die aufgebrachte Meute einigermaßen im Zaum zu halten. Ein alter Mann sieht nicht ein, dass kein Flug nach Hamburg geht. „Is mir wurscht was da los ist, ich will nach Hamburg! Wie, das ist ihr Problem!“. Gemurre von anderen Gestrandeten. „Schnauze, glauben sie wirklich dass ihre Extrawünsche erfüllt werden können? Sitzen alle im selben Boot!“. Endlich an der Reihe. Nach Wien? Bitte noch mal anstellen, wir wickeln zuerst Düsseldorf ab. Grrrr. Auf in die nächste Runde. Diesmal klappt´s. Um 15:15 halten wir unsere Tickets in der Hand. 15:30: Ein letztes, diesmal entspanntes Bier. Eine SMS kommt rein. Anita: „Sind heute in Taipei gelandet. Weiterflug gibt´s keinen. Hängen also in Taiwan fest.“ 16:10: Boarding, die Maschine ist von Euro Atlantic Airways. 16:30. „Hello, this is your captain speaking. We have to wait for your luggage. Logistical problems, but I won´t leave without your staff! 17:00. Endlich, das Gepäck ist an Bord. Wir heben ab! Erleichterte Gesichter, keine Euphorie. 95% der Fluggäste müssen mit Bussen oder Zug weiter nach Deutschland. Neben mir eine Familie mit drei Kindern. Die Kleinste gerade mal 1 ½ Jahre alt. Müssen noch nach Hamburg. Angesichts der Allgemeinlage nehmen sie´s gelassen. 23:00h Wien: Der Flieger setzt sanft auf der Landebahn auf, die Leute jubeln, klatschen wie vor 30 Jahren. Wir haben europäisches Festland unter den Beinen! Für uns ist es fast geschafft. Den Hamburgern wünsche ich eine gute Weiterreise. Um 03:12 lasse ich meine Reisetasche auf den Wohnzimmerboden fallen. Für mich ist´s geschafft. SMS aus Taipei: „Schon wieder gleiche Aussage. Nur Domestic Flüge aber keine Long Distance. Bin total fertig. Man bekommt einfach keine Infos… Ich will endlich nach Hause!“. Die Arme. Traurig lege ich mich in´s kühle, einsame Bett… Good Luck Anita!
Mittwoch 21.04.2010, 08:58: Neues aus Taipei: „Sind in einem Transferhotel und telefonieren ständig mit China Airlines in Taipei. Werden in der nächsten Stunde direkt dorthin fahren…“. Ich recherchiere im Internet. Entdecke einen Newsflash auf der China Airways Website: “Two Extra Flights From Frankfurt and Three respectively from Taipei to Frankfurt, Vienna and Amsterdam”. Sofort benachrichtige ich Anita per SMS. Kurze Zeit später bekomme ich Antwort von ihr: “Danke für die Info! Waren grad bei China Airways, wenn wir schnell sind nehmen sie uns noch mit. Drück uns die Daumen!“.
12:58h Steyr Ortszeit: “Ma juhu! Halleluja! Wir dürfen heute noch heim fliegen!…”. Auf diese SMS habe ich sehnlichst gewartet. Eerleichterung, Durchatmen. Anita hat´s geschafft! Um 23:00 Taipei Zeit (18:00 MEZ) hebt der Flug mit der Nummer CI 0063 vom Flughafen Taipei ab. Anita und Michi sitzen drin. Morgen um 06:30 werden sie müde, aber mit Sicherheit sehr erleichtert und glücklich in Wien landen. Eine nervenaufreibende Odyssey neigt sich ihrem Ende.
Mich bekräftigt die ganze Geschichte darin, mit dem Fahrrad um die Welt zu radeln. Ohne Terminstress, ohne Aschewolken-bedingte Flugausfälle. Unabhängig sein, aber andererseits auch direkt ausgesetzt sein – den Launen der Natur. Die uns wieder mal gezeigt haben, wie klein der Mensch schlussendlich ist.

