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Fruehsommer, Maerchenwald & Radurlaub

30.5.2010 Pfingstsonntag, nahe Lomza
Tagebucheintrag Andi

“Der Himmel ist bedeckt, starker Gegenwind. Wir fahren vorbei an zahlreichen Feldern und Wiesen. Es ist kaum huegelig, dafuer immer wieder starke Boen von Ost. Das kostet Kraft. Als wir das Ortsschild von Gowarowo passieren, herrscht ploetzlich buntes Treiben. Das ganze Dorf versammelt sich rund um die Kirche – zur Pfingstmesse. Maenner in Anzuegen, schick gekleidete Damen, gegenueber der Strasse, eine eifrige Marktfrau, die auf Tapetentischen Socken, Unterwaesche und billiges Geschirr zum Verkauf anbietet. Wir ueberholen 2 alte Herren, die mit ihren klapprigen 3-Gang-Damenraedern am Nachhauseweg von der Kirche sind. In den Reifen gerade mal genuegend Luft, dass die Felgen nicht staendig durchschlagen. Einige Minuten spaeter blicken wir in den Rueckspiegel: hinter uns immer noch die Beiden, die unseren Windschatten nutzen und offensichtlich unbeeindruckt von unserem “rasanten” Tempo sind. Als sie in die naechste Seitenstrasse abbiegen, winken wir ihnen nach – sie schenken uns ein Laecheln und heben zum Abschied laessig ihren Hut.”

Tja, 4 Wochen Training waren anscheinend nicht genug um es mit den 2 ruestigen Herren gebuehrend aufzunehmen … Oder waren wir doch etwas geschwaecht von den vielen Gelsen, dir uns seit Warschau nicht nur abends sondern auch tagsueber das Blut aus den Adern saugen? An der Energiezufuhr mittels Nahrungsaufnahme kann es nicht liegen. Dann wenn wir nicht gerade am Rad sitzen oder schlafen, stopfen wir Unmengen an Kalorienhaltigem genuesslichst in uns rein (mit Vorliebe polnische suesse Baeckereien und Lody-Eiscreme). Das Beste daran: Bei unseren Schwimmreifen geht nach wie vor die Luft aus :)

Biebrza-Nationalpark
Etwa 150 km nordoestlich von Warschau liegt der Biebrza-Nationalpark: Undurchdringliche Sumpflandschaften, weite Wiesen, dichter Urwald, eine unglaubliche Vielfalt an Wasservoegeln und Heimat von etwa 400 Elchen (… und die hoechste Anzahl von Moskitos pro m3 Luft, die wir je erlebt haben *g*). In Twierdza Osowiec quartieren wir uns fuer zwei Naechte am Biwakplatz ein. 6 Zloty pro Person (ca. 1,5 Euro), Duschen kostet extra: 7 Zloty fuer 10 Minuten. Die Wasserflasche, die wir uns im Sklep dort kaufen kostet 4 Zloty. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass eine kleine Flasche Vodka 3,50 Zloty kostet, fragt man sich ernsthaft, wer hier die Preise festlegt …

Tagebucheintrag Anita
Dienstag, 1.6.2010

“Neben uns grillt ein aelterer Herr Brot am Feuer – fuer Daheim. Als Erinnerung fuer die Ferien. Als wir unsere Suppe im Schein der Stirnlampe essen wollen, meint er, wir sollten doch ohne Licht essen – Naturerlebnis, Geschmacksinn … Januszs Familie lebt schon in 5. Generation in Warschau. Er selbst hat eine Wohnung dort, die er an Studenten vermietet, lebt aber ausserhalb der Stadt in einem kleinen Haus. Hatte schon viel Aerger mit den Studenten. Anfangs ist er ein wenig zurueckhaltend. Auf seiner Halskette traegt er die Madonna, sein Haar ist struppig, ein bisschen wie Einstein. Meist seh ich ihn barfuss herumlaufen und nach dem Zaehneputzen singt er am Weg zu seinem Zelt “Va Pensiero” von Verdi. Der 3-Tage-Bart und seine eher verlumpte Kleidung verraten nicht, dass er eigentlich mal Landschaftsarchitekt war. Vor einigen Jahren zumindest. Jetzt ist er 70. War fuer 2 Jahre lang in Syrien, Damaskus – ein Wohnprojekt. Dann nimmt er das Wort Nigeria in den Mund. Klar, dass er auch dort war. Er erzaehlt aber nicht viel mehr darueber. Mit der EU ist er nicht sehr gluecklich, jedes Land, jeder Mensch verliere an Individualitaet. Immer wieder beobachte ich ihn, wie er durch die Wiesen geht, Blaetter und Blueten zupft … bis er uns erklaert, dass er im Urlaub nie Gemuese mitnimmt, weil ja doch ueberall um uns welches waechst. Loewenzahn, Sauerrampfer … kosten muessen wir natuerlich auch – genauso wie den Brandy “Very good for your health” …”

Czarna Hanza
Nahe der weissrussischen Grenze
Der Czarna Hanza, ein lieblich dahin maeandernder Fluss, etwa 8-15 m breit und mit einer schwachen Stroemung. Die Ufer werden meist von einem dichten Schilfguertel gesaeumt, im Mittelstueck bewegt er sich wie eine Schlage durch wunderschoenen Mischwald. Uralte umgestuerzte Baeume haengen ins Wasser, lange Graeser weisen am Grund die Flussrichtung. Die Luft riecht nach den alten Kiefer und hunderte Voegel singen ein Lied der Freude. Fuer 3 Tage tauschen wir unsere Raeder gegen ein Kanu. Fahrradurlaub :)
Entlang des Flussufers findet man liebevoll errichtete Biwakplaetze, meist mit Feuerstelle, einigen Tischen, Toiletten und wenn man Glueck hat, mit Sauna. Alte Muetterchen sitzen auf freien Wiesenflaechen oder Stegen und verkaufen Selbstgebranntes und eingelegtes Gemuese. Gelegentlich trifft man auf groessere Kajakgruppen. Oft halten sich mehrere Boote und bilden ein Floss. Mit an Bord: Bier, Schnaps und ein Radio, aus dem grauenhafter Dancefloor droehnt. Meist aber haben wir den Czarna Hanca fuer uns alleine – begleitet von hunderten indigo-blau-farbenen Libellen …

Momentan sind wir in Litauen, genauer gesagt in Siauliai. Und: wir haben soeben die 2.000 km-Marke erreicht *wow* !! Aber nachdem ihr schon so viel zu lesen hattet, goennen wir euch jetzt eine Pause – den naechsten Eintrag gibt es voraussichtlich aus einem neuen Land ;)

5 Kommentare zu “Fruehsommer, Maerchenwald & Radurlaub”

  1. zlav schreibt:

    danke für die netten eindrücke. kaiserin cilli schickt mi überoi umadum zum ausforschen von neuen erungenschoften für’s kaiserreich. so kim i gott sei daunk a wieda a wengal zum radlfoahrn. temperaturen san jo a sehr erträglich wieda sogor fost unerträglich auba im hintergebirge is jo schee kühl. daun kim i vom ausflug zruck vazöh meiner kaiserin de eindrücke und kriag dafia a happi happi. essensmäßig ersetz i eich grod im cafe. und i kaun nur sogn mmmhh lecker. oiso mochts es guat. bis zum nächsten moi, wenn’s wieder heißt anita und andi erzählen uns eine geschichte.
    lg hellmut

  2. Dani schreibt:

    Freut mich sehr, dass euch der unvergleichliche Maestro Verdi mit seinem ewigen Lied bis in die entferntesten Regionen begleitet :)

    lg, Dani

  3. Sonndrasss schreibt:

    Viva Verdi!!!
    Des is jo bitte der Hammer und so liab schaut der Einstein aus… De Büdln san wieder moi genial… des mocht echt a Freid im Herzal… und dass der Keimli so übervoll ist des gfreit mi a wirklich recht!!! Soda und jetzt schmier i euch nu a Schwarzwurzelsalbe auf die vielen vielen Gelsenstiche…
    Wir warten voller Spannung auf die nächste Tagebuchseite!!

    Ich schick euch Liebe ganz viel Liebe und bunte Sonnenstrahlen !!!

    Soda und für uns gehts jetzt bald nach Grrrreeeekien (25.06.)!

    Drücker Sonndrasss

  4. Martin S schreibt:

    Asche über mein Haupt, kam heute erst dazu, eure Berichte & Fotos der bisherigen Reise zu lesen und in euren Fotos zu schmökern – der Stress den ihr hinter euch gelassen habt hält sich hier weiterhin hartnäckig im Vordergrund.
    Unvorstellbar, dass ihr schon 2.000km geradelt seid, drum schick ich euch ganz viel Energie – wobei so wie ich euch kenne, geben euch eure Umwelt und besonders die Leute die ihr trefft genug Kraft – drum schick ich euch einfach einen freundlichen Gruß aus der Heimat :-)
    glg
    Martin & Ulli

  5. Tanja D schreibt:

    Hallo Abenteurer,

    wirklich bewundernswert. Wünsche Euch noch ganz viele positive Begegnungen und bewegende Erlebnisse. Schick Euch ganz viel Kraft!!

    Alles Liebe,
    Tanja

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Gepostet am 11.06.2010 um 08:53 in Kategorie Polen