Sommertage im Baltikum
LITAUEN
… empfaengt uns mit Sonnenschein, Rueckenwind und einer Trinkwasserquelle am Strassenrand. Als Anita zum Pinkeln ins hohe Gras geht, setzt sich ein Schmetterling auf ihren Handschuh und schleckt genuesslich das Salz herunter. Der Windzug beim Weiterfahren scheint ihn nicht zu stoeren, ueber einen km begleitet er uns als ‘blinder Passagier’.
Fuenf Tage benoetigen wir fuer die Durchquerung des suedlichsten Landes im Baltikum, in dem der sowjetische Einfluss – trotz der seit ueber zwanzig Jahren bestehenden Unabhaengigkeit – immer noch spuerbar ist.
Unsere Route fuehrt uns durch das Landesinnere, welches von weiten Agrarflaechen gepraegt wird. Es kommt nicht selten vor, dass diese Felder per Hand bzw. Pferd bestellt werden. Uralte, bunte Holzhaeuschen, liebevoll gepflegte Blumen- und Gemuesegaerten und nahezu kein Verkehr machen das Radfahren zu einem Genuss! Zumindest auf Strassen 1. Ranges *g*. Genauso urspruenglich wie teilweise die Feldarbeit betrieben wird, ist auch ein Grossteil des Strassennetzes in Litauen. Vermeintlich gute Nebenstrassen verwandeln sich oft von einem Meter auf den anderen in holprige Schotterpisten – denen laut Anita nicht mal der beste Sport-BH standhaelt *g*
Mit der Orientierung hier ist das so eine Sache … Trotz unserer relativ guten Strassenkarte stehen wir oefter vor Kreuzungen, die nicht eingezeichnet sind. Nur gut, dass die Litauer ein sehr freundliches und hilfsbereites Volk sind. Als wir z.B. zwei Strassenarbeiter nach dem Weg fragen, stuermt einer voller Taten zum Beifahrersitz und kommt mit seinem GPS zurueck. Er tippt auf dem Display herum und laeuft sogleich mit seinem ‘Zaubergeraet’ plus Sender einige Meter nach vor und wieder zurueck. ‘This direction OK!!’ sagt er und wir amuesieren uns alle koestlich ueber seinen spontanen Einsatz …
Tagebucheintrag Anita
Freitag, 11.06.2010 Hill of Crosses, noerdlich von Siauliai
‘… Vom Rueckenwind lassen wir uns die naechsten 12km in den Norden tragen – zum ‘Hill of Crosses’, der eine ganz besondere Atmosphaere versprueht. Man schaetzt etwa 50.000 Kreuze, die diesen Huegel schmuecken. Die Pilger bringen immer wieder neue, alte Holzkreuze verfaulen. Wir haben Glueck, denn als wir den Hill of Crosses erreichen, verlaesst gerade ein Touristenbus diesen besonderen Platz. Es liegt wirklich etwas Heiliges in der Luft. Ich meine, den Duft von Weihrauch wahrnehmen zu koennen. Die kleinen Kreuze, die im Wind baumeln, spielen gemeinsam ein Lied … Vielleicht ist es das Lied der Erloesung. Das Bild vom gekreuzigten Jesus endlich zurueck zu lassen und ihn runter zu nehmen … Eine Marienstatue und Jesus mit weit geoeffneten Armen spenden Hoffnung, dass der alte Schmerz nun endlich, endlich gehen darf – genauso wie die bunten Kinderzeichnungen mit Herzen und Blumen, die das eine oder andere mal zwischen den Kreuzen befestigt sind. Wir bleiben noch lange auf der Wiese sitzen, lassen den Gedanke ihren Lauf nehmen und lauschen den Geschichten, die der Wind von all den Menschen erzaehlt, die an diesem Ort waren …’
LETTLAND
Die Strassen in Lettland sind ein Flickenteppich aus den klaeglichen Versuchen, die Winterschaeden zu sanieren. Starker Seitenwind begleitet uns bis nach Riga und wir haben ordentlich damit zu kaempfen, die Spur zu halten. Kurz vor der lettischen Hauptstadt erreichen wir zum ersten Mal in unserem Leben aus eigner Muskelkraft das Meer. Wir schlagen unser Zelt am Strand auf und werden mit einer atemberaubenden Abendstimmung belohnt. Vom Land schieben sich dunkle Wolken Richtung Meer, die tief stehene Sonne taucht die Szenerrie in ein magisches Licht.
Ab Riga begegnen uns immer wieder andere Tourenradler, die nicht gegensaetzlicher sein koennten: Vom australischen Langzeitradler mit schwedischen Wurzeln, der von London bis nach Serbien unterwegs ist, ueber ein nettes linzer Paerchen, das eine zweiwoechige Genusstour von Riga nach Tallinn macht, bis zum 67-jaehrigen, exzentrischen Esten, der sich in seinem Alter noch was beweisen moechte.
Tagebucheintrag Andi
Samstag, 19.06.2010, nahe der Tuhu-Suempfe
‘… Kurz nach dem Start ein Tourenradler auf der Gegenfahrbahn. Ein alter Este. Hager, klein. Kommt gerade von den Inseln. Faltet gefuehllos unsere Strassenkarte auf und unter staendigem ‘oooooh, aaaaaaah’, erklaert er uns, was wir uns unbedingt ansehen sollen. Danach duerfen wir uns seine gesamte Lebensgeschichte anhoeren. Zu Sowjetzeiten war er bei einer Holzfirma als Ingenieur taetig. Hatte immer viel Ferien und war dann in den Bergen (Pamir, Tien Shan, Ural …). Jetzt trainiert er fuer seine Fahrt ans Nordkap – was wir treiben, ist ihm wurscht *g* …’
In Riga treffen wir uns mit Ieva und Andris. Fuer die naechsten Tage duerfen wir bei den Beiden in ihrer Wohnung in einem Plattenbau am Stadtrand wohnen. Ieva hat eine Zeit lang in Norwegen gelebt – genau so wie in Irland. Ein unglaubliches Sprachentalent. Nach dem Abschluss ihres Studiums unterrichtete sie Englisch. Jetzt, nach 15 Jahren und der Kuendigung im Museum, gibt sie Privatunterricht in Norwegisch. Tja, die Wirtschaftskrise hat auch Lettland erwischt. Norwegen braucht aber nach wie vor Personal – besonders Krankenpfleger aus Lettland … Ieva scherzt und fragt sich, welche Sprache sie wohl in 15 Jahren lehren wird … Chinesisch? Die beiden lachen und schenken sich einen liebevollen Blick. Ihre gemeinsame Leidenschat ist die traditionelle, lettische Kultur mit all ihren Trachten, Festen und Taenzen. Andris zeigt uns stolz seine selbst geschusterten Lederschuhe und wir staunen nur so ueber seine – und Ievas – handwerklichen Faehigkeiten. In ihrer Freizeit investieren sie viel Zeit in das Fertigen von Trachten und Kostuemen. Wir geniessen die Abende mit den beiden sehr, saugen ihre Geschichten in uns auf und nehmen viele Inspirationen mit auf unseren Weg …
ESTLAND
Mitte Juni ueberqueren wir nach 6 Tagen Lettland relativ unspektakulaer die Grenze nach Estland. Keine Passkontrolle, keine Stempel, nichts. Nur ein Schild am Strassenrand weist darauf hin, dass wir im noerdlichsten Land des Baltikums angekommen sind.
Die 70 km bis Paernu sind sehr angenehm. Der Wind ist auf unserer Seite und die Strassen durchgehend asphaltiert – ohne Schlagloecher *g*. Im Zentrum bremsen wir uns in der ersten Baeckerei ein: Suesses und Kaffee. Fuer uns ist so ein Zwischenstopp wie ein kleines Stueck Heimat. Als wir der jungen Dame an der Kassa ein paar Fragen stellen und sie auf Englisch antworten ‘muss’, erroeten ihre Wangen. Fast das selbe Rot wie in unseren Gesichtern – anscheinend ist unsere Hut keinen geheizten, windstillen Raum mehr gewoehnt …
Tagebucheintrag Andi
Freitag, 18.06.2010, Haeaedemeeste
‘… Fragen bei einem Haus nach Wasser. Der freundliche Hausherr bittet mich in die Kueche, mich trifft fast der Schlag. Ueberall Essensreste, dreckiges Geschirr, Chaos und unangenehmer Geruch. Auch der Wasserhahn ist alles andere als sauber. Fuelle die Flaschen und raus … Als wir zu kochen beginnen, bemerken wir, dass das Wasser gelb wie Pi… ist und kommen zu einem (lebens)wichtigen Schluss: Don’t drink the yellow water!!! …’
In den letzten zwei Wochen hatten wir unsere Stirnlampen nicht mehr in Gebrauch. Je weiter noerdlich wir kommen, desto kuerzer werden die Naechte, die sich mittlerweile auf ca. vier Stunden Daemmerung beschraenken. Diese Zeit ist gerade in den nordeuropaeischen Laendern etwas ganz Besonderes. Am 23. Juni wird traditionellerweise die Sommersonnwende – hier in Estland das Jānis-Fest – gefeiert. Wir verbringen die Tage rund um Jānis auf den nordwestlich der Kueste gelegenen Inseln Saaremaa und Hiiumaa. Ein einsamer Campingplatz direkt am Meer laedt uns dazu ein, auf unseren Fahradsattel zu verzichten und einfach nur zu entspannen.
Tagebucheintrag Andi
Samstag, 23.06.2010, Jānis auf Hiiumaa
‘… Um halb 7 fahren wir mit dem Rad 12 km in den naechsten Ort, zum Einkaufen. Im ‘Selver’ Hochbetrieb. Alle kaufen fuer DIE Nacht ein. Tonnenweise Fleisch zum Grillen und Bier. Wir verfallen in einen wahrhaften Konsumrausch. Bier fuer heute und morgen, Grillerei, Butter, Nutella …. Alles, was wir sonst halt nicht mitschleppen koennten. Kann den Rucksack danach kaum noch heben …’
Im Moment sind wir in der Hauptstadt von Estland, Tallin. Seit vier Tagen geniessen wir das Flair der schoenen, mittelalterlichen Altstadt, Kaiserwetter und Temperaturen von um die 22 Grad. Endlich ist er da, der Sommer *g*! Von hier wirds mit der Faehre direkt nach Stockholm, Schweden gehen. Wie ihr seht, haben sich unsere Plaene bereits etwas geaendert. Warum – verraten wir euch noch nicht *g*
Alles Liebe,
nandita


05.07.2010 um 23:24
Hallo ihr zwei Weltenbummler, toll eure Erlebnisse zu lesen.Ihr habt das Glück immer die richtigen Leute zu treffen, die euch weiterhelfen, ihr habt dies auch verdient.
Macht weiter so, freue mich schon auf den nächsten
Reisebericht.War heute mit Cilli in Kirchdorf, war wie
immer sehr nett mit ihr und haben über euch gesprochen.
Sie ist mächtig stolz auf euch.
Also weiterhin viel Glück und alles Liebe -
Irena
05.07.2010 um 23:39
salü,
schön zu lesen, dass es euch weiterhin gut geht, dass es sich gut fährt und ihr die vielen eindrücke geniessen könnt – weiter so und ihr werdet weit kommen!!
wir bereiten die nächste genusstour vor. im herbst solls wieder etwas südlicher – vom neusiedler see nach szeged am grünen band europas = iron curtain trail gehen.
wenns dann einmal wieder zurück seids – vielleicht mach ma einmal ein genussradtour in der umgebung!
bzw wenns ein bett und eine warme dusche in linz brauchts…
schönes zeit!
MuH
07.07.2010 um 08:51
hallo ihr zwei,
hab euch meinen kommentar ins gästebuch geschrieben. war sehr nett, mich euch zu radeln. in meinem intenret-tagebuch gibt’s jetzt auch einen link zu eurem blog.
wünsche euch weiterhin gute reise und nette erlebnisse.
beste grüße
herbert, trekking-radler aus köln
09.07.2010 um 09:02
Hallo ihr beiden! die sms scheinen nicht angekommen zu sein. Ich komme zwar nicht dazu, eure interessanten Berichte zu lesen, aber ich schicke immer wieder gute Wünsche in den Norden. Machts gut! Ich nehme an, zur Hochzeit von Hannes seid ihr dann wieder zurück und wir werden uns sehen!
20.07.2010 um 07:03
hallo ihr beiden. alles froh und munter und noch fit im schritt. ich wollt’ euch im eigeninteresse schildern, dass seidl bräu nicht ganz ausgefüllt war, weil ihr gefehlt habt. Dennoch war cilli tatkräftig bei tua di ned zvü ärgern. muss ihr aber glaub ich noch sagen, dass das lied keine anspielung auf ihre grauen haare ist. auszüge vom konzert hab’ ich auf myspace.com/eveshelmet reingestellt, somit seids ihr beim reinhören auch dabei. so nun fleißig weiterradln und auf gehts. bei mir gehts jetzt den moment los mit der dachsteinrunde. hab’ mir natürlich gutes wetter ausgesucht. also bis denne und ich denk’ man hört und sieht voneinander.
20.07.2010 um 13:59
Freuten uns sehr, euren interessanten Bericht zu verfolgen. Dass es euch gut geht ist super! Wir haben auch einige kleine Urlaube hinter uns (Donauradweg, Dubrovnik…) Sind schon sehr neugierig auf den nächsten Bericht. Alles Liebe, viel Glück und neue Eindrücke.
L.G. PAPA u. ULRIKE
22.07.2010 um 14:04
Schön, dass 2 Menschen so Freude am Leben haben. Schön eure Geschichten zu lesen. Man merkt eure Begeisterung für euer Abenteuer. Ich war noch nie in Litauen, aber es ist interresant zu hören wie es dort so ist.