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Auf und Ab in Norwegen

Achtung, waren in den letzten paar Tagen uebermotiviert und haben gleich zwei neue Beitraege verfasst – Schweden und Norwegen! Also auf auf und Beide lesen!

Grobe Route:
Skarnes – Fagernes – Gol – Geilo – Flåm – Gudvangen – Kaupanger – Lavik – Sløvåg – Vågenes – Bergen – Stavanger (Faehre) – Preikestolen

Norwegen … eine intensive Zeit liegt vor uns. Drei Wochen geht’s auf bzw. ab – und das nicht nur beim Radfahren. Unsere Regenklamotten sind fast taeglich im Einsatz, ein staendiges An- bzw. Ausziehen. Regenjacke an, weil’s regnet, dann wieder aus, weil’s aufgehoert hat und bergauf geht, dann wieder an, weil’s bergab kuehl wird … usw. usf

Tagebucheintrag Anita
Samstag, 10.07.2010, Skarnes
“… Als wir in den naechsten Supermarkt zum Einkaufen gehen, trifft uns fast der Schlag: Die Preise sind unglaublich hoch, aber noch viel schrecklicher ist das Warenangebot. Die Regale sind gerammelt voll mit Fertigsaucen und -gerichten, die Fleischabteilung nimmt etwa ein Drittel der Warenflaeche ein. Das einzig frische Gemuese und Obst, das angeboten wird, laedt auch nicht gerade zum Kauf ein. Kartoffeln aus Israel, Aepfel aus Argentinien, einzeln eingeschweisste Paprika und Ofenkartoffeln, fertig in Alufolie verpackt. Da macht das Einkaufen wirklich keinen Spass mehr! Wo bleibt die heimische Qualitaet? Wenn ich da an Tschechien oder Polen denke – WOW, das war das Paradies! Produkte, die es vorm Shop am Gemuesestand gab, waren im Geschaeft einfach nicht erhaeltlich …”

Tja, Norwegen wird mit Sicherheit nicht als kulinarisches Highlight in unserer Erinnerung bleiben. Es ist eine ganz eigene Erfahrung, sich nicht alles leisten zu koennen bzw. zu wollen. Mit knurrendem Magen vor dem Fenster eines Restaurants stehen, in dem Pizza serviert wird und zu wissen, dass es einfach nicht im Budget liegt (Preis einer Pizza ca. 20 Euro aufwaerts!!!).
Wer nach Norwegen kommt, ist aber im Normalfall darauf vorbereitet, sieht darueber hinweg und freut sich viel mehr auf die atemberaubenden Naturlandschaften, die Mutter Erde hier gezaubert hat …

Tagebucheintrag Andi
Mittwoch, 14.07.2010, Rallervegen
“… Kurz nach Mittag treffen wir in Haugastol ein, mittlerweile herrlicher Sonnenschein. Nach einer staerkenden Jause am See geht’s los. Insgesamt warten 80 km Schotter auf uns, 400 hm bergauf und 1300 hm bergab bis auf Meeresniveau. Die Strasse fuer den Verkehr gesperrt. Wir fahren ein weites Hochtal hinein, immer dem Lauf der Eisenbahn folgend. Hier liegt die Baumgrenze scheinbar auf ca. 1100 m, daher befinden wir uns meist in freiem Gelaende. Vorbei an tosenden Katarakten, milchig schimmernden Gletscherseen und maechtigen Wasserfaellen zieht sich der Rallarvegen immer weiter hoch. Wir passieren Almen und erhaschen erste Blicke auf der Hardanger Jøkul Gletscher, der Teil des Hardangervidda-Hochplateaus ist. Es kommt sofort eine gewisse Vertrautheit auf. Schneebedeckte Berge, Schafherden und alte Holzhuetten … “In die Berg bin i gern und do gfreit si mei Gmüat, wo die Almröslan wochsn und da Enzian blüaht” …”

Auf 1300 m schlagen wir unser Lager mit Blick auf den Gletscher auf. Waschen im eiskalten Gebirgsbach, gemeinsames Yoga in der Abendsonne und Curry-Nudeln mit Gemuese – what a wonderful world :-)
Schlafen erschoepft und zufrieden ein, wachen aber bald wieder auf: Der Wind hat sich gedreht, wird immer staerker. Unser Zelt steht nun mehr als unguenstig und hat schwer zu kaempfen, den starken Boeen Stand zu halten. Die Geraeuschkulisse ist so laut, dass wir erst mit Oropax ein wenig Schlaf finden. Am fruehen Morgen ein lautes Knacken, eine der Zeltstangen bricht unter der Belastung des Sturms und bohrt sich durch Gestaengekanal und Aussenhaut. Jetzt heisst es schnell handeln, bevor noch mehr kaputt geht. Unter extremen Bedingungen bauen wir alles ab, haben zu tun, dass nichts davongeblasen wird. In voller Regenmontur treten wir in die Pedale, brauchen aber nicht sehr viel Kraft, um voran zu kommen, denn der Orkan schiebt uns sogar bergauf an. Eine gefaehrliche Angelegenheit, maechtige Windboeen von der Seite drohen uns vom Weg abzudraengen. Besonders an Abhaengen und rutschigen Holzstegen kritisch. Die Banane, die wir eilig in uns reingeschlungen haben, haelt ganz gut an. Wahrscheinlich fordert uns aber das ganze Drumherum so sehr, dass wir nicht mehr an den Hunger denken. Wir kaempfen uns weiter, neben uns brodelnde Gletscherseen im eisigen Wind. Einige Eisberge treiben darin, erzaehlen vom unbaendigen Klima des Hardangervidda. Gegen Mittag versagen Anita’s Bremsen komplett, und Mann muss die Bremsbelaege in einem feuchten Felstunnel wechseln. Hier sind wir vom Regen geschuetzt, doch der Wind kuehlt unsere Koerper innerhalb kuerzester Zeit aus. Erfreulicherweise liegt das Schlimmste hinter uns. Schon bald hoert der Regen auf, der Sturm wird zum Wind, die Temperaturen steigen wieder. Welch Wohltat! Das raue Hochplateau weicht einem wunderschoenen Bergtal, unzaehlige Wasserfaelle, egal wo wir hinblicken. Im Zick-Zack windet sich die Schotterstrasse durch diese herrliche Landschaft, und wir fuehlen uns ein bisschen wie in “Herr der Ringe”, sehen schon lauter kleine Hobbits rund um uns :-)

Einmal im Jahr treffen sich Wikinger aus ganz Europa in einem kleinen Oertchen am idyllischen Nærøfjord, um die alte Kultur fuer eine knappe Woche wieder auferstehen zu lassen. Der “Gudvangen Viking Market” war fuer uns der Grund, unsere Reiseplaene zu aendern und Finnland auszulassen. Urspruenglich wollten wir uns hier mit Ieva und Andris treffen, unsere Gastgeber aus Riga. Leider haben sich auch deren Plaene kurzfristig geaendert und so lassen wir uns zu zweit in die Welt der Wikinger zurueckversetzen. Eine Leinenzelt-Stadt bietet das Zentrum des Geschehens. Vom Schmied, Schneider und Schuster ueber Musiker und Krieger ist alles vertreten. Kinder ueben sich im Schwertkampf und in einer kleinen Huette werden die Besucher von Geschichtenerzaehlern in fantastische Welten entfuehrt. Ein aufwaendiges und buntes Spektakel fuer Jung und Alt, aber als aktiver Teilnehmer waer das Ganze bestimmt noch interessanter gewesen …

Von Gudvangen bringt uns eine Faehre ueber den Nærøfjord ans noerdliche Ufer des Sognefjords, der mit 200km der laengste Fjord der Welt ist und teilweise eine Tiefe von bis zu 1300 m erreicht. Ausser uns sind hunderte Touristen mit an Bord, die von einer Ecke des Decks zur Anderen laufen, um jeden Quadratmeter des UNESCO Naturererbes auf Digital- bzw. Videokamera festzuhalten. Links und rechts von uns steigen maechtige Felswaende hunderte Meter auf, Wasserfaelle und Schluchten, ueberall ueppiges Gruen.
Wir folgen der noerdlichen Kuestenstrasse richtung Meer, treffen zu unserer Ueberraschung auf viele Obstplantagen, meist Apfel- aber auch einige Kirschbaeume. Das Klima ist hier verhaeltnismaessig mild, der Boden fruchtbar und das ganze Jahr ueber viel Niederschlag.

Tagebucheintrag Anita
Montag, 18.07.2010, Torfund
“… Obwohl ich eigentlich nicht mehr lange fahren moechte, zoegert sich wieder mal alles raus. Andi ist der Lagerplatz, den ich vorschlage, nicht “gut genug” – ich habe aber das Gefuehl, dass er einfach noch Kilometer machen moechte … Tja, so fahren wir ueber 20 km weiter, wobei mitten drin ein ordentlicher Anstieg liegt, der nicht enden will. Beginnen zu streiten, weil ich nicht einsehe, warum wir immer etwas tun “muessen” – Kilometer machen, reinbeissen … grrr!! Warum nicht ein gemuetlicher Tagesausklang?? Naja, bauen unser Zelt in der Wiese eines Rastplatzes auf, der direkt am Meer liegt. Neben uns sieben Wohnmobile. Gehe ein Stueck Richtung Wasser um nachzusehen, ob man bei den Felsen zum Waschen runter kommt … Da hoer ich ploetzlich ein Blasgeraeusch – das kenn ich doch! Ein DELFIN!! JA!! Das gibt’s doch nicht! Grad vorher hatte ich noch den Satz im Kopf: “Jedes Hindernis bringt ein riesen Geschenk fuer euch”. Ganz elegant taucht er zweimal auf und verschwindet dann im Meer. Kurz darauf sehe ich weiter hinten noch mehr Delfine! Voller Demut stehe ich wortlos am Felsen, Traenen kullern meine Wangen runter. Danke, danke, danke! Essen leckere Nudeln mit Pesto, waschen ab und gehen nochmal zu den Felsen vorm Meer … Eine wunderschoene Abendstimmung oder besser gesagt ein Naturschauspiel nur fuer uns: Wolken in allen Farben ziehen in hoher Geschwindigkeit ueber unsere Koepfe, die Sonne beleuchtet abwechselnd Bergspitzen und formt eine art Spot, der ueber die Flanken der Berge wandert. Der Mond, der halb voll ist, schimmert durch die Wolkendecke – und da: Ein Blasgeraeusch, gerade als ich wieder zurueck gehen moechte. Schon wieder ein Delfin! Danke!! Bleiben noch lange sitzen und tauchen tief in die heilige Stimmung von Mutter Erde ein … Da hoer ich es noch einmal: Das Ausatmen eines Delfins, oder besser gesagt von zwei Delfinen!! Unendlich Danke fuer diesen heiligen Abend! …”

Tagebucheintrag Andi
Montag, 19.07.2010, Kalland
“… Der Austgulfjord muendet in den Eidsfjord, es geht auf und ab, zwei Tunnels, ca. 17:00h. Halten die Augen nach einem Lagerplatz offen, leider finden wir nichts Passendes und im Nu befinden wir uns im Faehrhafen von Sløvag. Ueberall wird Schotter abgebaut, am gegenueberliegenden Ufer eine riesen Oelraffinerie. Welch ein Kontrast zu den Fjorden! Muessen die Faehre noch heute nehmen, obwohl eigentlich erst fuer morgen geplant. Ca. 15 Minuten mit schrecklichem Ausblick. Es dauert weitere 5 km bis wir einen Lagerplatz finden. Beginnen gleich zu kochen, leider viele KNOTS! Macht das Essen nicht grad angenehm. Da hilft nur der Rueckzug ins Zelt, obwohl die Wolkenstimmung zum Verweilen einladen wuerde … Kaum liegen wir in unseren Schlafsaecken, prasseln die ersten Regentropfen auf die Zeltplane …”

Drei Tage Dauerregen machen die Weiterreise nach Bergen nicht gerade angenehm, und bei solch einem Sauwetter sehnt man sich nach einer Nacht im Trockenen …

Tagebucheintrag Anita
Dienstag, 20.07.2010, Vågenes
“… Der erste Versuch, eine Huette zu ergattern, schlaegt fehl. Alles ausgebucht. Wir werden aber zum naechsten Campingplatz vermittelt, nicht weit entfernt. Klatschnass fahren wir weiter. Auf, ab, auf, wieder ab. Mein Koerper ist irgendwie am Ende, obwohl wir gerade mal 30 km gefahren sind. Endlich angekommen, sagt man uns auch hier, dass alles voll ist. Als ich den Boss frage, ob wir in der Waschkueche schlafen koennten, meint er nur “nein”, kratzt sich am Kopf und murmelt vor sich hin. Dann sagt er ploetzlich, er haette vielleicht was, schon ewig nicht mehr gebraucht und auch nicht geputzt, aber wir koennten dort bleiben. Unter staendigem “mhm, mhm, mhm” folgen wir ihm zu einer kleinen, urigen Huette. Ein Stueck Holz verschliesst die Eingangstuer. Der Mann schuettelt den Teppich aus, schraubt an der Lampe herum, Licht an, aus, an, aus – nichts tut sich. Egal, wir haben eine Stirnlampe, hauptsache trocken! “Perfekt”, sagen wir ihm. “Mhm, mhm, mhm”. Folgen ihm durch den Regen zurueck zur Rezeption, bezahlen 100 Kronen und stapfen mit unseren vollbepackten Raedern durchs nasse Gras zurueck. Fast gleichzeitig steht auch der “Big Boss” wieder vorm Eingang der alten Huette, eine neue Gluehbirne in seiner Hand. Mit endlosem “mhm, mhm, mhm” wird die Birne gewechselt, und siehe da, wir haben Licht! Andi besorgt uns noch einen Besen und wir kehren den groebsten Dreck vom Boden. Schnell haben wir wieder unser ganzes Zeug verteilt, und es wirkt, als waeren wir schon laenger hier :-) …”

Im stroemenden Regen erreichen wir Bergen und sind uebergluecklich, die naechsten zwei Naechte bei Cathy und Richard verbringen zu duerfen, zwei Englaender, die seit sieben Jahren hier leben und auf der Uni arbeiten. Cathy hat extra fuer uns gekocht: Indisches Dal – was fuer ein Genuss! Ueber die mitgebrachten, frisch gepflueckten Heidelbeeren freuen sie sich sehr, und Cathy zaubert gleich einen Kuchen daraus. Die Abende sind lang und lustig und es tut gut, wieder mal in Gesellschaft zu sein.
Gottseidank bessert sich das Wetter gerade zur richtigen Zeit, denn wir wollen das touristische Aushaengeschild Norwegens erklimmen: Den Preikestolen.

Tagebucheintrag Andi
Samstag, 24.07.2010, Preikestolen
“… Es ist 18:00 Uhr, die Besucherlawine des Tages rollt uns entgegen. Jung, alt, dick, duenn, Asiate, Afrikaner, High-Tec Outdoorer, Flip-Flop Teenie – alles auf den Beinen! Nach oben nur noch wenige Leute unterwegs. Der Aufstieg “normal” anstrengend und fuer uns nicht recht anspruchsvoll. Nur den Packsack, den ich mir mit einem Spanngurt provisorisch umgehangen habe, drueckt ein wenig auf die Schultern. Die Aussicht bzw. das Gelaende wunderschoen! Die letzten 500 m gehts entlang eines Felsbandes, dann ist er ploetzlich da: 604 Meter faellt der Fels in den darunter leigenden Lysefjord. Die letzten Tagestouristen brechen auf, nur ein sueddeutsches Paerchen, zwei Maedels und wir bleiben ueber Nacht. Eine super Entscheidung! Fast alleine bei magischem Abendlicht kommt einem die Szenerie wie eine Postertapete vor! Vom Schlafsack aus geniessen wir den aufgehenden, fast vollen Mond, das mitgebrachte Seitl Bier und unsere leckeren Brote. Herrlich diese Ruhe! Ein paar Knots belaestigen uns, aber angesichts dieser Aussicht nimmt man das gerne in Kauf. Es wird kuehl und feucht, aber auch das gehoert dazu. Ein fantastisches Gefuehl, hier heroben die Nacht verbringen zu duerfen! …”

Heute Abend nehmen wir die Fahere von Stavanger nach Hirtshals (Daenemark). Ein kleiner “Fehler” bei der Buchung der Island-Faehre beschert uns einen 5-Tage Aufenthalt in Daenemark. Wir freuen uns auf ein paar entspannte Tage, bevor’s auf die beruechtigten Hochlandpisten Islands geht …

2 Kommentare zu “Auf und Ab in Norwegen”

  1. Dani schreibt:

    Ihr müsstet mich sehen können… ich liege hier auf der Couch und Sebastian schläft auf meinem Bauch und ich grinse wie eine Doofe den Bildschirm an. Vor lauter Freude, dass die Delfine – wie so oft – auf eurem Weg auftauchen und euch einfach nur sagen, dass ihr Tag für Tag zur rechten Zeit am rechten Ort seit und sie über alle eure Schritte (manchmal sichtbar, manchmal unsichtbar) wachen.

    Alles Liebe weiterhin, Dani

  2. Tanja schreibt:

    Hallo ihr beiden Weltenbummler!
    Das ist ja soooooo toll ihr habt DELFINE gesehen, da wär ich gern dabei gewesen! Nach so einem Tag ist das ein wunderbars Erlebnis!!! Aber ihr werdet noch sicher noch ganz ganz viele tolle Sachen erleben! :-)
    Drücker Tanja

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Gepostet am 28.07.2010 um 14:24 in Kategorie Norwegen