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Ecuador – Tradition, Rituale & Naturvielfalt

Grobe Route:
19.05.2011 – 27-06.2011: Tulcán – Ibarra – Otavalo – Cayambe – El Quinche – Tumbaco (Quito) – Sangolquí – Machachi – P.N. Cotopaxi – Latacunga – Píllaro – Baños – Puyo – Macas – Méndez – Paute – Cuenca – Saraguro – Loja – Vilcabamba – Zumba – La Balsa (Grenze Ecuador – Peru)

Tagebucheintrag Andi
Sa, 20.5.2011 – Peaje Ambuqui
„… Schlagen unser Zelt bei der Mautstation Ambuqui auf. Der Boden ist kahl und mit Dornen übersät, unsere aufblasbaren Isomatten bleiben deshalb vorsichtshalber in den Packtaschen. Entsprechend „hart“ ist die Nacht, laut die bremsenden, anfahrenden Trucks. Ganz schön erledigt sind wir am Morgen. Nach dem Frühstück mache ich mich ans Patschen-Picken. Auf der Suche nach einem Lagerplatz haben wir uns gestern gleich 3 platte Reifen eingefangen. An meinem Hinterreifen entdecke ich 4 Löcher, die beiden Vorderräder haben je 3 – insgesamt 10 Patschen auf einmal! Das muss man erst mal schaffen! Die Peaje-Mitarbeiter freuen sich über die Abwechslung und schauen mir neugierig beim Arbeiten zu. Endlich alles geflickt und eingebaut, reißt beim Aufpumpen meines Hinterrades das Ventil aus. Rad wieder entladen, Schlauch tauschen – die Kleberei hätte ich mir ersparen können …“

Tja, es gibt oft Momente – so wie den oben beschriebenen – wo man sich fragt, warum man nicht besser daheim im eigenen, kuscheligen Bett aufwacht und brav einem „normalen“ Alltag nachgeht. Doch glücklicherweise halten sich solche Momente eher in Grenzen und die positiven Erlebnisse und Eindrücke machen all die Strapazen und Unwägbarkeiten wieder wett. Das aufregende an einer solch ausgedehnten Reise ist, dass mit jedem Land neue, einzigartige Abenteuer auf uns warten und dass es im Grunde genommen nie langweilig wird. So verbringen wir auch in Ecuador eine wundervolle Zeit und bleiben schlussendlich ganze eineinhalb Monate hier „hängen“. Selten präsentiert sich uns ein Land so abwechslungsreich und bunt – schneebedeckte, aktive Vulkane, dampfender Amazonas-Regenwald, kahler, windgepeitschter Paramo, der Äquator, bunte Indígena-Kultur und wilde Feste …

Tagebucheintrag Anita
Di, 07.06.2011 – Cotopaxi N.P.
„… Ein etwas herunter gekommener Mann mit Vollbart schleicht an den vergitterten Marktständen herum und werkt bestimmt an die zehn Minuten, um etwas (keine Ahnung was) heraus zu fischen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen etwa 20 Personen vorm Gesundheitszentrum Schlange, alle sehen ihm zu. Niemand sagt etwas. 100 Höhenmeter rollen wir bergab, bis wir auf den steil ansteigenden Steinweg stoßen. Wow, der hat´s in sich und bringt uns Beide an unsere Grenzen. Die Ausblicke auf die Vulkane Sincholaqua und Rumiñahui entschädigen aber für die Strapazen. Brauchen mehrere Pausen, bis wir geschlaucht vor dem Nationalpark-Eingang stehen. Bezahlen gesamt 8 USD Eintritt und Campinggebühr und machen ein Picknick vor der Traumkulisse des fast 6.000 m hohen Cotopaxi. Andi steckt sich wieder mal, ohne zu wissen was es ist, eine violette Beere in den Mund. Eine halluzinogene Wirkung habe sie, erklären uns die Nationalparkrancher, aber erst ab größeren Mengen. Wie auf Knopfdruck kommt vorm Weiterfahren die Sonne raus. Was für ein Gefühl, vor diesem mächtigen Berg zu stehen! Obwohl es relativ flach ist, plagen wir uns gewaltig. Die Höhe, die zwei Wochen Radpause … 4 ½ Stunden benötigen wir für die 30 km zum Zeltplatz auf 3.900 m Höhe. Kochen uns Nudelsuppe und Kaffee, Wolken verdecken die Sonne, es wird schnell kalt. Zum Essen verzupfen wir uns ins Zelt, zwei Kühe grasen rund um unser Lager, ihr Atem ist so laut, als wären sie 10 cm neben unseren Köpfen. Über uns glitzert ein wunderschöner Sternenhimmel und der Gletscher des Cotopaxi funkelt im Mondschein. Als wir zum Abwaschen aus dem Zelt krabbeln, erspähen wir einen jungen Fuchs, der wie angewurzelt im Schein unserer Stirnlampe stehen bleibt …“

Tagebucheintrag Andi
Do, 9.6.2011 Pillaro – Baños
„… Am Marktplatz ist viel los. Angeboten werden Hühner, Kaninchen und viele Cuyes (Meerschweinchen), die in Getreidesäcken zur Schau gestellt werden. Es wird geschwätzt, gelacht und gefeilscht. Sehr hübsch die Indígenafrauen mit ihren „Tirolerhüten“ und bunten Umhängen. Zu unserer Freude geht es heute fast nur bergab, bald wird es spürbar wärmer. An den steilen Hängen wird viel Obst und Gemüse kultiviert. Es herrscht fast kein Verkehr, sehr angenehm! Rasant und kurvig winden wir uns hinein in ein weites Tal, dann geht’s kurz und steil bergauf. Oben machen wir Saft- und Süßes-Pause und setzen unsere Fahrt durch eine wunderschöne, ein bisschen an den Gardasee erinnernde, Landschaft fort. Orangenbäume, Agaven, Zypressen. Bald treffen wir auf die Kreuzung Baños – Ambato. Wir halten uns links, und obwohl es bergab geht, tun wir uns hart, denn es bläst uns ein orkanartiger Wind entgegen. Der von den vorbei rasenden Bussen aufgewirbelte Staub brennt in den Augen. Den 5.023 Meter hohen Tungurahua haben wir zwar vor uns, er ist aber leider von Wolken verdeckt. Hat sich nach einigen Wochen Aktivität wieder beruhigt und „schläft“ …“

Wenn man schon mal in Baños ist, bietet sich ein Abstecher in den „Oriente“, Ecuadors Anteil am Amazonasbecken, an. In nur kurzer Zeit reist man von der kühlen, meist über 2.000 m liegenden Sierra, in den grünen, heiß-schwülen Osten Ecuadors. Eine beeindruckende Fahrt! Bis vor wenigen Jahren gab es hier fast ausschließlich Lehmpisten, mittlerweile ist die „Zivilisation“ endgültig eingekehrt. Die meist perfekte Asphaltstraße macht das Radeln hier zu einem richtigen Genuss, obwohl sie irgendwie so gar nicht in die Gegend passt …

Tagebucheintrag Andi
Sa, 11.6.2011 – Baños – Puyo (Ruta de las Cascadas)
„… Die Flanken des Tals sind mit dichtem Urwald bewachsen, durch welche dicke Wolkenfetzen zeihen, Wasserfälle stürzen in die Tiefe. Je weiter wir nach unten kommen, desto üppiger die Vegetation. Riesige Farne hängen auf die Straße, die Bewölkung nimmt zu, bald beginnt es stellenweise zu nieseln. Kurz vor Mera weitet sich der Canyon, am Horizont breitet sich das unendliche Amazonas-Becken aus. Es ist schon eine interessante Vorstellung, dass vor uns etwa 4000 km undurchdringlicher Regenwald liegen. Vom Osten her zieht es schwarz auf – das verspricht nichts Gutes. Bis Shell kommen wir halbwegs trocken, entscheiden uns aber dann, „sicherheitshalber“ in einer Kneipe Kaffee zu trinken. Nicht mal zwei Minuten später ist es, als würde der Liebe Gott den Wasserhahn voll aufdrehen. Gut, im Trockenen zu sitzen …“

Tagebucheintrag Anita
So, 12.6.2011 – kurz vor Chguaza
„… Das Dorf, das auf unserer Karte eingezeichnet ist, kennt niemand. Also fragen wir beim nächsten Haus, ob wir in der Schule nebenan zelten dürften. Alfonso will uns zur zuständigen Person bringen, wird aber kurz darauf zurück gepfiffen, denn sein Vater lädt uns ein, in seinem Haus zu schlafen. Eine einfache Holzbaracke mit schmutzigem Boden. Bringen die Räder rein und laufen zum braunen Bächlein um uns zu Waschen. Beim Nachbarn holen wir „Trinkwasser“, doch als wir an der „Quelle“ stehen, schauen wir beide blöd. Auf dem kleinen Tümpel schwimmt ein dichter Algenteppich, den wir erst mal zur Seite schieben müssen, um zum Wasser vorzudringen. Filtern es danach mit einer frischen Socke und kochen es gründlichst ab, bevor wir davon trinken. Tratschen mit den Nachbarn und gehen zurück, um uns beim Hausherren zu bedanken. Die ganze Familie ist versammelt, zehn verdreckte Kinder schauen uns mit großen Augen an. Wir werden gebeten, am Tisch Platz zu nehmen. Die Schwiegertöchter sind mit Babyschaukeln und Stillen beschäftigt, sitzen am einzigen Bett im Haus. Daneben zwei Neugeborene in Mini-Hängematten, die an einem einfachen Holzregal befestigt sind. Die Hausfrau kocht Suppe am offenen Feuer, welches sich direkt im Raum am Lehmboden befindet, der Rauch brennt in den Augen. Die Kids laufen mit matschigen Füßen barfuß durch die Gegend, die Gesichter rotzverschmiert und die Kleider löchrig. Unter dem Tisch gackern die Hühner, es werden Yucca, Platanos, Popcorn und eine Bohnen-Yucca-Reis-Suppe aufgetischt. In einer halbierten Kokosnuss wird Chicha, ein leicht alkoholhaltiges Gebräu aus fermentierter, gekochter Yucca, durch die Runde gereicht. Alle trinken aus der selben Schüssel, auch die Kleinen … Etwas später kochen wir uns Tee und Suppe und scherzen mit den fünf neugierigen Jungs, die im Stock über uns schlafen, und uns durch die Spalten in der Holzdecke beobachten. Bei jedem Schritt der Burschen bröselt Dreck auf uns runter. Zwei Zimmer haben sie dort oben, beide ganz einfach. In dem Einen stehen vier Holzpflöcke, die sie wohl als Hocker benützen, sonst nichts. Keine Bilder, kein Spielzeug, keine Kleidung. Im anderen Raum ein simples, kleines Holzbett, in dem vielleicht zwei Kinder Platz haben, einige Kinderzeichnungen an der Wand … Ein eigenartiges Gefühl. Wir beide mit unseren Rädern tragen mehr Zeug herum, als diese Menschen besitzen …“

Tagebucheintrag Andi
Di, 14.6.2011 – Macas
„… Der Morgen ein „Traum“ – es schifft in Strömen und mir ist gar nicht gut. Bin matt und schlecht ist mir auch. Frühstücken, keine Besserung in jeder Hinsicht, Durchfall. An der Straße unter unserem Balkon ein rollender Verkaufsstand: „Aguas de la Vida“ v Lebenswässerchen. Genau das was ich jetzt brauche. Statten dem Herren einen Besuch ab und bekommen erst mal was für den Magen. Dann ein Glas mit Kaktus-Essenz, schleimig, durchsichtig, gemischt mit etlichen Substanzen und Pinienhonig. Zum vermischen schüttet er den Trunk in hohem Bogen von einer Metalltasse in die andere. Das Trinken kostet wegen der Konsistenz Überwindung. Mal schauen ob es hilft. Unser netter Kräuterhexerich kommt eigentlich aus dem Norden Perus, die Geschäfte laufen hier aber viel besser. Seine Familie und die Kinder besucht er nur alle 1 ½ – 2 Monate, 15 Stunden Busfahrt je Strecke. 70 Gläser zu je 50 Cent verkauft er durchschnittlich pro Tag. 35 USD Tagesumsatz, nicht schlecht wenn man bedenkt, dass er 7 Tage die Woche durch die Straßen rollt und das Leben vieler Macaner (und einiger Gringos) zu verlängern versucht …“

Eine knappe Woche dauert unser Oriente-Ausflug, unterbrochen von einer krankheitsbedingten, eintägigen Pause bei den Bomberos (Feuerwehr) in Macas – vermutlich hat Andi´s Magen die Chicha bei Alfonso nicht vertragen. Von der kleinen Stadt Méndez aus machen wir uns wieder auf den mühsamen Weg hoch in die südliche Sierra. Die Straße steil, einsam und ausgesetzt, die Gegend atemberaubend und die Menschen überaus hilfsbereit …

Tagebucheintrag Anita
Do, 16.6.2011 – Weg nach Amaluza
„… Beim Frühstück quasselt der kleine Sebastian mit uns, während er sein Fahrrad durch die sumpfige Wiese schiebt. Ein neues Auto haben sie, erzählt er, doch seine Mama ist keine gute Autofahrerin. Sie braucht einfach mehr Übung, sage ich zu ihm. Beim Losfahren beginnt es leicht zu nieseln, was mir egal ist, denn ich hab´ mit der Steigung zu kämpfen. Bald brennen uns die Schenkel. Die Aussicht wird aber immer spektakulärer, Wasserfälle stürzen an allen Hängen in die Tiefe, Nebelschwaden ziehen durch die grünen Täler. Nach gut 10 km brauche ich eine Pause. Die Bergwertung ist sagenhaft anstrengend, mein Magen knurrt. Essen die restlichen Kekse und Haferflocken mit Milch. Mehr haben wir nicht mehr dabei und weit und breit kein Haus, geschweige denn eine Tienda, in Sicht. Beim Weiterradeln wird der Regen stärker. Die einzigen Fahrzeuge, die uns begegnen, sind die gelben MAN-Trucks einer Baufirma – und auch immer die gleichen. Nach der Überquerung einer provisorischen Brücke sehen wir am Straßenrand eine Art Restaurant. Die Dame winkt uns freundlich herein. Herrlich leckere Gemüsesuppe, Papayasaft und Fisch mit Reis. Die Nachbarn, ein altes Ehepaar, stellen uns neugierig Fragen. Ganz einfach sind sie gekleidet, schmutzig, vom Arbeiten, und während wir tratschen, haut ständig ein Huhn durch das Eingangstor ab. Kinder haben sie 2, sie wohnen aber weit weg. Die linke Hand des überaus sympathischen Herren fehlt, vermutlich ein Arbeitsunfall. Um das Handgelenk trägt er eine Goldarmbanduhr und erzählt uns, dass nicht weit von hier viele ihr Glück bei der Goldsuche probieren. Beim Essen setzt er sich an den Tisch gegenüber, entschuldigt sich und meint: „Soy curioso!“. Etwas später lädt ein Kleinlastwagen 7 Straßenarbeiter ab, zum Mittagessen. Die Männer verschlingen hungrig ihre Mahlzeit, der Chauffeur lässt die Hälfte über und bietet uns auf Englisch einen „Ride“ in seinem Laster nach Amaluza an. Oh ja, danke! Noch dazu wird der Regen immer stärker. Während die Männer zwischen den Rädern und Tonnen einen Stehplatz auf der Ladefläche bekommen, darf ich vorne im gemütlichen, warmen Fahrerhaus sitzen. Die Straße wird bald richtig schlecht, über 10 km Rumpelpiste, große Schlaglöcher und einige Kilometer purer Schlamm und endlose Baustellen. Bin ich dankbar, im Laster sitzen zu dürfen! Am überdachten Sport- und Hauptplatz von Amaluza hüpfen alle raus. Kühl ist es hier oben, der Wind bläst und der Regen prasselt auf die überdimensionale Platz-Überdachung. Weiterfahren macht keine Laune, so schlagen wir unser Lager zwischen Volleyballfeld und Fußballplatz auf. Die Kids freuen sich riesig, fragen uns Löcher in den Bauch und liegen schlussendlich auf uns und unseren Matten. Andi dreht mit einem nach dem anderen Fahrrad-Runden am Platz, wobei sich wohl der kleine Pablo am meisten darüber freut. Noch dazu darf er für eine Weile meine Fahrradhandschuhe tragen, in die er ganz vernarrt ist …“

Tagebucheintrag Anita
Fr, 17.6.2011 – El Pan
„… Die alte, etwas verwirrte Dame, kassiert vorab 10 USD ein, bevor sie uns überhaupt zur Unterkunft bringt. Vorher geht nichts. Nachdem es die einzige Möglichkeit ist, haben wir keine Wahl. Das Haus sieht unbenutzt aus, im ersten Zimmer, das sie uns zeigt, hängt zentimeterdick Schimmel von der Wand. Das Zweite ist OK und wenigstens gibt’s Warmwasser. Gut, der Boden ist schmutzig, vom Bad und Klo will ich gar nicht reden. Aber das Bett ist frisch bezogen. Wegen dem Handtuch muss sie noch in die Tienda. Nachdem sie nach über 20 min noch immer nicht zurück ist, gehen wir zu ihr. Brauchen ja ohnehin noch was für´s Abendessen. Zwei verschieden große Handtücher breitet sie vor uns aus, fragt, welche Größe wir wollen. Dann sage ich zu ihr, dass wir es nicht kaufen, sondern benutzen möchten. Etwas zerstreut geht sie zurück, kommt mit einem anderen wieder. „Que color quiere?“ ??? Also ich denke, sehr viele Gäste hat die Dame nicht. In einem anderen Laden tippt die Besitzerin an der Kasse herum, fragt fünfmal was wir brauchen und nachdem sie gecheckt hat, dass wir ein Bier wollen, fragt sie welches – obwohl sie nur Pilsen in der Dose hat!? Nach einer kurzen Wartezeit verweist sie uns ins Geschäft gegenüber. Lustigerweise riecht die Dame an der verschlossenen Bierflasche, bevor sie sie uns reicht … Wo sind wir hier gelandet?? …“

In der netten Kolonialstadt Cuenca gönnen wir unseren müden Muskeln einen Tag Verschnaufpause, bevor wir weiter Richtung Süden radeln. Auf unserem Weg nach Loja liegt die Kleinstadt Saraguro, Heimat der gleichnamigen Indígena-Gemeinde. Wir haben das Glück, gerade recht zur Sonnenwende zu kommen, die hier mit einem mehrtägigen Fest gefeiert wird. Am Vorabend des großen „Inti Raymi“-Rituals bittet der Schamane zur gemeinsamen Reinigungszeremonie.

Tagebucheintrag Anita
Mo, 20.6.2011 – Saraguro
„… Der Yachec (Schamane) begrüßt alle vier Himmelsrichtungen, Mutter Erde und Vater Himmel, bevor er sich bei der Sonne für ihre Kraft, das Licht und die lebensspendende Energie bedankt, ohne die wir nicht existieren könnten. Neben ihm einige Vertreter der Gemeinde, die restlichen Teilnehmer bilden einen schützenden Kreis um das Zentrum der Zeremonie. Musiker spielen einen immer wiederkehrenden, monotonen Rhythmus, der Duft von brennendem Rosmarin liegt in der Luft. Nach einigen symbolischen Gesten wird Schnaps aus einer Muschel getrunken, der Schamane versprüht eine Kräuteressenz mit dem Mund und setzt die Zeremonie fort. Die andinen Klänge verstärken den Zauber der Nacht, es wird getanzt und gesungen, auch wir dürfen teilnehmen. Danach marschieren wir im fahlen Licht der Fackeln gemeinsam zu einem Wasserfall hoch, unter welchem die Indígenas ein rituelles Bad nehmen, um sich für den morgigen Tag vorzubereiten. Der Weg ist lange und anspruchsvoll. Teils recht steil, oft matschig. Alle helfen sich gegenseitig und der Mond tut sein Bestes, um uns den Weg zu weisen …“

Beeindruckt und dankbar, dass wir an diesem besonderen Fest teilhaben durften, satteln wir am Mittwoch wieder unsere Räder. Doch recht weit kommen wir an diesem Tag nicht …

Tagebucheintrag Anita / Andi
Mi, 22.6.2011 – San Lucas
„… Bei leichtem Nieselregen nehmen wir die erste Bergwertung in Angriff. Der acht Kilometer lange Anstieg verschafft uns danach eine Verschnaufpause und wir rollen gemütlich in das Zweitausend Einwohner Dorf San Lucas, um Brot zu kaufen. Nach den ersten zehn Metern rufen uns zwei Männer zu, laden uns ein, Chicha de Maíz zu trinken. Heute sei ein besonderer Tag – Corpus Christi – und es wäre eine Freude, wenn wir diesen Tag mit ihnen verbringen würden. In dem kleinen, gelb ausgemalten Raum steht eine Band, große Boxen verstärken den Klang. Nach der ersten Chicha wird getanzt und ohne zu fragen, stellen uns Lucho und Antonio zwei Teller mit leckerem Käse und Yucca auf den Tisch. Dann versammeln sich alle zum Innereien-Suppe Essen. Frauen und Kinder nehmen jedoch an einem anderen Tisch Platz. Nach einem Gebet werden große Schüsseln mit Reis, Käse und Yucca gereicht, dazu Cana-Schnaps und Erdbeerkracherl. Stellen unsere Gäule im Abstellraum nebenan ab und wagen ein erneutes Tänzchen. Während die Herren richtig Spaß haben, reduziert sich der Tanzschritt bei den Damen auf emotionsloses Hin-und-Her-Steigen. „Züchtig“, könnte man fast sagen. Dann spazieren wir gemeinsam zu einer befreundeten Familie, vorbei an einfachen Häusern, eingebettet in ein hübsches, grünes Tal. Über einen matschigen, steilen Fußweg gelangen wir hoch zum Haus. Geselchte, riesengroße Rinderstücke hängen vom Balkon, zur Freude der vielen Fliegen. Die Hausherren, teilweise barfuß, sind ordentlich im Öl. Die Musik beginnt zu spielen, einer der betrunkenen Männer eröffnet den Tanz und kugelt fünf Sekunden später die Böschung hinunter. Als der Gastgeber Segundo mit einem Kübel Chicha auf mich zukommt, hoffe ich, dass niemand meine Gedanken lesen kann … Da muss ich wohl durch. Nur nicht zu viel nachdenken. Das verdreckte Glas, das er mir in die Hand drückt, ist gefüllt mit Chicha, in der auch noch andere „Dinge“ schwimmen und von dem vor und nach mir weitere 25 Personen trinken. Die alten „Borrachos“ (Betrunkene), rotzverschmierte Kinder, ungepflegte Herren und Frauen allen Alters. Nicht nachdenken, trinken, um ihn nicht zu beleidigen. Vielleicht bestärken die Bakterien ja meine Darmflora – oder ich liege morgen flach *lach* … Das dunkle, verrauchte und nach gekochtem Rindfleisch und Schweiß riechende, kleine Zimmer ist erfüllt von monotoner, sich wiederholender Musik. In einer Ecke sitzen traditionell gekleidete Frauen und Mädchen, ein sturzbetrunkener, heruntergekommener Mann torkelt barfuß über den schmutzigen Lehmboden durch den Raum und endet schnaufend neben mir auf der Tischbank. Er riecht stark nach billigem Schnaps. Ich sitze mit einigen Männern an einem Tisch, esse fettige Rindsuppe. Dann und wann kreist ein Becher Maisbier durch die Runde. Nach dem Mahl gibt’s Horchata mit Schnaps, einige der Herren kämpfen gegen das Delirium, rollen die geröteten Augen und würden vom Anschein her gut in eine Kneipenszene aus „Herr der Ringe“ passen …“

Unglaublicherweise können wir unsere Fahrt Tags darauf ohne gröbere Magenbeschwerden fortsetzen. Die Eindrücke der vergangenen Tage waren mehr als intensiv und obwohl wir keine großen Distanzen überwunden haben, sind wir müde und freuen uns auf eine Dusche und einen Abend ohne Remmi-Demmi. Über Loja geht´s in das idyllische Städtchen Vilcabamba, wo wir uns Erholung erhoffen. Ganzjährig herrscht hier ein angenehmes Klima, das Wasser soll eine ausgesprochen gute Qualität aufweisen und es leben hier überdurchschnittlich viele Menschen, die über hundert Jahre alt sind. Doch genau an jenen Tagen, die wir in Vilcabamba verbringen, findet eine nationale Umweltkonferenz mit entsprechendem Kulturprogramm statt, welches und das süße Nichtstun etwas erschwert. Im Vergleich zu den Vortagen jedoch ist unser Aufenthalt sehr entspannend und am 25.6. radeln wir Richtung peruanische Grenze. Kurz nach dem Ortsausgang erblicken wir ein Wohnmobil mit Schweizer Kennzeichen – Peter und Ursula – alte Bekannte, die wir in Guatemala schon zweimal getroffen haben! Die Beiden ebenfalls auf dem Weg nach Feuerland. Nach einem netten Tratsch und gestärkt durch viele leckere Corpus-Christi-Kekse, müssen wir uns förmlich losreißen. Die drei Tage bis zur Grenze sind hart, Ecuador zeigt sich uns nochmal von seiner „wilden“ Seite. Die Pisten unbefestigt, oft mit mehr als knöcheltiefem Schlamm, sehr steil und einsam. Schlussendlich – sichtlich gezeichnet von den harten Etappen, überqueren wir am 27.6. die Grenze nach Peru – der bisher entspannteste und einsamste Grenzübertritt, den wir hatten! Und wie es der Zufall so will, springt unser Kilometerzähler just auf der Grenzbrücke, im Niemandsland zwischen Ecuador und Peru, auf die 17.000 km Marke! Na wenn das kein gutes Zeichen ist!

4 Kommentare zu “Ecuador – Tradition, Rituale & Naturvielfalt”

  1. Chris schreibt:

    Hallo Andi, Hallo Anita,

    nach sehnsüchtigem etwas längerem Warten auf den Bericht über Ecuador hat es mich wieder sehr gefreut Euren Reisebericht zu lesen und alle Eure Fotos anzusehen. Nach so langer Zeit sieht man, dass Ihr immer noch jeden Augenblick Eurer Reise genießt. Das Lesen Eurer Berichte bleibt immer spannend und es ist immer wieder ein neues Erlebnis Euch auf diese Weise ein bißchen auf Eurer Reise begleiten zu dürfen. Es ist einfach schön zu sehen wie Ihr alle Erlebnisse auf Eurer Reise schätzt. Ihr seid richtige Vorbilder für viele Facetten des Lebens auch, wenn das nicht jeden gleich eine Weltreise bedeutet. Aber die Träume zu leben mit all dem Mut diese in die Tat umzusetzen und dabei das Leben mit all seiner Buntheit auszukosten und zu schätzen ist einfach bewundernswert. Ich darf mich sehr, sehr glücklich schätzen so einen Bruder zu haben und zusätzlich mit Anita so eine tolle Freundin meines Bruders. Ich wünsche Euch von ganzem Herzen weiterhin alles Gute auf Eurer Weltreise, Gesundheit und dass Ihr alle Kilometer auf Eurer Reise weiterhin mit solcher Intensität erlebt und wir uns weiterhin auf zahlreiche interessante und tolle Reiseberichte und Fotos freuen dürfen.

    Alles, alles Liebe

    Christian

  2. Dani schreibt:

    danke, dass ihr wieder mal die große weite welt hier zu mir ins wohnzimmer gebracht habt. ihr schreibt so lebendig, dass man die gerüche, den staub und die musik als leser richtig fühlen kann.

    danke auch für den satz, der bleibt mir im gedächtnis: “Wir beide mit unseren Rädern tragen mehr Zeug herum, als diese Menschen besitzen”

    alles liebe für die weiteren kilometer, ich denk an euch!

  3. Biki schreibt:

    Ich freue mich auf jeden Eurer Berichte. Schön, dass Ihr Euch Zeit nehmt, sie zu schreiben. Ihr seid richtig gute Autoren!
    17.000 km – wow, was eine Leistung! Und wie viele Erlebnisse hinter diesen Kilometern stehen.

    Wünsche Euch noch viele weitere interessante Kilometer,
    Biki

  4. manuel .marta . manuela schreibt:

    hola hola

    los recordamos con mucho cariño emos rebisado su blog de nuevo y nos alegra saber que van bien besos,abrasos y vendiciones

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Gepostet am 30.06.2011 um 22:00 in Kategorie Ecuador