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Entlang des Lago Titicaca nach Bolivien

Grobe Route:
Cusco – Machu Picchu – Cusco – Ayavirí – Juliaca – Puno – Copacabana – La Paz

Tja, oft – oder besser gesagt meistens – kommt alles anders als man denkt. Anstatt gleich weiter an den Titicacasee zu radeln, bleiben wir einige Tage länger als geplant im Hostal Estrellita in Cusco „hängen“. Das morgendliche Reiseradler-Familienfrühstück, die leckeren Zimtschnecken aus der Nachbar-Bäckerei und die fast väterlichen Besitzer des Estrellita geben uns allen ein gewisses „Home-Away-From-Home-Gefühl“. Wir freuen uns, bekannte Gesichter wie Alan und Erin oder Christoph wieder zu sehen und lernen neue Pedalritter aus aller Herren Länder kennen. Alle haben ihre Geschichte zu erzählen, es gibt Vieles auszutauschen. Es ist schwierig, sich von hier los zu reißen – und nicht nur uns geht es so. Einige Reisende sollen hier 2 schon Monate oder länger geblieben sein.

Nach anfänglichen Zweifeln entscheiden wir uns schließlich doch dafür, die historischen Inka-Ruinen von Machu Picchu zu besichtigen. Doch anstatt mit dem völlig überteuerten Touristenzug anzureisen, nehmen wir die abenteuerliche Bus-, Taxi- und Wander-Variante in Angriff …

Tagebucheintrag Andi
Fr, 08.9.2011 – Machu Picchu Town
„… Nach 6 anstrengenden Stunden steigen wir in Santa Maria aus dem alten, klapprigen Bus aus. Der hohe Lärmpegel, die Kurverei, das für uns ungewöhnlich hohe Tempo – all das macht uns ziemlich zu schaffen. Sind ganz schön geschlaucht. Sogleich werden wir von den Taxlern belagert, die uns einen viel zu hohen Preis für die Fahrt nach Santa Teresa verrechnen wollen. Mit etwas Hartnäckigkeit und Selbstbewusstsein können wir aber den korrekten Fahrpreis erhandeln. Eine Stunde dauert die Fahrt, hinein in ein steiles, enges Tal. Die Piste holprig und gefährlich. An einer Stelle gibt der Fahrer Gas, die Böschung oberhalb brennt, immer wieder kugeln Steinbrocken auf die Fahrbahn. Für weiter 15 Soles bringt uns ein anderes Taxi zur Hidroelectrica, von wo aus ein 2-stündiger Fußmarsch entlang der Bahngleise beginnt. Es ist kurz nach 17 Uhr, die Gegend üppig grün. Wir folgen dem Rio Urubamba durch tropische Vegetation – Bananen, Kaffeesträucher, Strelitzien, Orchideen, dichtes Buschwerk. Bald bricht die Dämmerung herein, unzählige Glühwürmchen blinken wie verrückt und das Licht des Vollmondes leuchtet uns den Weg …“

Obwohl Machu Picchu täglich von etwa 2.000 Touristen besucht wird, ist und bleibt es ein einzigartiger Ort. Eingebettet von fast senkrecht aufragenden, grünen Bergen, in der Ferne schneebedeckte 6.000er, unten im Tal dreht der Rio Urubamba eine elegante Schleife. Um diese Magie völlig ungestört aufsaugen zu können, besteigen wir in schweißtreibenden 1 ½ Stunden den Berg Machu Picchu. In den ersten Vormittagsstunden ist man hier oben meist ganz alleine, während sich am gegenüberliegenden Wayna Picchu, dem populärsten Aussichtspunkt, die Massen drängen. Bei der Besichtigung der Ruinen selbst ist der Massenandrang für uns nicht unbedingt ein Nachteil. Denn um Details und Infos zu „klauen“, braucht man nur einige Minuten auf die nächste Reisegruppe zu warten und den Ausführungen des Guides zu lauschen :-)

Nach ca. zwei Wochen Cusco und Machu Picchu machen wir uns endlich wieder auf den Weg, es geht Richtung Titicacasee und bald springt unser Tachometer auf 20.000 Kilometer!

Tagebucheintrag Anita
Fr, 08.9.2011 – Aquas Calientes
„… Auf und ab, den ganzen langen Tag. Viel zu lange für mich, denn bei km 67 in Sicuani bin ich schon ziemlich geschafft. Wollen nur noch ein kleines Stück weiter fahren und den nächsten Platz zum Lagern schnappen. Nichts kommt. Gar nichts. Dafür wird die Besiedelung immer dichter, keine Chance zum Zelten. Vor und hinter uns gehen starke Regenfälle nieder. Wir bleiben Gott sei Dank trocken, fahren immer weiter. 11 Kilometer sollen es bis Aquas Calientes noch sein, doch die entpuppen sich wieder mal als „peruanisch“ und sind um einiges mehr. Ausgekühlt vom starken Wind stehen wir endlich am Eingang der Thermalbäder. Frauen verkaufen aufgeblasene Schwimmenten und Badetücher, ein kleiner Junge süßen Mate-Tee in Plastiksackerln – zum Aufwärmen. 20 Soles (5 Euro) kostet das Zimmer inklusive Eintritt zu den heißen Quellen. Guter Preis, schlechter Standard. Die Möbel uralt, das Bettzeug schmutzig und offensichtlich schon mehrmals benutzt. Egal, breiten unsere Schlafsäcke aus, hüpfen ins Badezeug und spazieren bereits im Dunklen (was angesichts der Hygiene-Bedingungen hier vielleicht gar nicht so schlecht ist *g*) zu den Pools. Außer uns sind nicht mehr viele Leute da, die Außentemperatur um den Gefrierpunkt. Haben eine dampfende „Riesen-Badewanne“ ganz für uns alleine. Wie gut das tut nach diesem langen Tag! Die Regenwolken haben sich aufgelöst, so liegen wir auf 4.000 Meter im herrlich warmen Thermalwasser und blicken auf den grandiosen Sternenhimmel. …“

Tagebucheintrag Anita/Andi
Fr, 16.9.2011 – Juliaca
„… Der Verkehr wird mehr und als wir kurz vor 14 Uhr Juliaca erreichen, trifft uns fast der Schlag: Schäbige Baracken, Verkehrschaos, Müll, Gestank, unzählige Schrotthändler reihen sich an der Stadteinfahrt aneinander. Auch die Zimmersuche nimmt viel Zeit in Anspruch. Löcher, miefig, viel zu teuer – und Warmwasser gibt’s sowieso nirgends, wenn überhaupt Duschen vorhanden sind. Dafür könnte man sich in eigens eingerichteten „Badehäusern“ für je 3 Soles mit Warmwasser waschen. Mir kommt vor, als wären wir in einem neuen Land! Während Andi in einem weiteren Hotel nachfragt, bringt mir die 2-jährige Tochter der Besitzerin der kleinen Tienda Fruchtsaft. „El Sol es muy fuerte!“, sagt die Mutter und nickt mir freundlich zu. Das Hostal ist OK. Duschen mit Kaltwasser, schreiben Tagebuch und machen uns danach auf Essens-Suche. Die Straßen sind voll mit Leuten, jeder will etwas verkaufen: Brot, Obst, billiges Werkzeug, Superkleber, Autoersatzteile. Rad- und Mototaxis flitzen auf der 2-spurigen Avenida chaotisch hin und her. Tortillas de Verdura kennt man hier nicht, schlussendlich bekommen wir Abendessen für je 3 Soles. Nudelsuppe, danach Reis, Kartoffel und Eier, die der Koch noch von der benachbarten Tienda holen muss. Zurück im Zimmer, flackert die Neonröhre wie verrückt. Warten sollen wir, es wird sich schon nach einer Weile legen. Denn immerhin sei jetzt „Stoßzeit“. Viel zu viel Energie werde um diese Uhrzeit verbraucht, was sich natürlich auf die Stromspannung auswirkt, erklärt uns der alte Hausherr … Mitten in der Nacht werden wir von unseren völligst besoffenen Zimmernachbarn geweckt. Dürften Streit haben – lautstark wird diskutiert, artet in ein Gerangel aus. Darauf hin Geheule in Verbindung mit Dauergesudere in einer extrem penetranten Stimmlage. Begleitet wird das Ganze von Türgepolter und Kotzgeräuschen. Ein anderer Gast weist die Herrschaften zurecht, was aber nur kurz für Stille sorgt. Irgendwann reicht’s mir. Hämmere an die Tür und fordere Ruhe. Erstaunlicherweise hilft es tatsächlich. Zumindest wird das Gejammere leiser :-) . Draußen in der Nähe ein Konzert. Da wir so aufgekratzt sind, ist es schwierig, wieder Schlaf zu finden …“

Fast fluchtartig verlassen wir tags darauf dieses „stinkende Drecksloch“. Bald kehrt wieder halbwegs Ruhe ein und kurz nach Puno wird der Verkehr endlich wieder erträglich. Belohnt werden wir mit schönen Titicacasee-Panoramen und dem vorwiegend flachen Altiplano, was uns endlich wieder halbwegs angenehme Radtage mit 80 – 90 Kilometern Tagesleistung ermöglicht. Klar, die Höhenluft lässt uns bei den Anstiegen und bei Gegenwind ganz schön schnaufen – immerhin radeln wir hier auf Großglockner-Gipfelniveau. Trotzdem empfinden wir das Altiplano als eine richtige Belohnung nach den harten Radmonaten in Peru. Und auch die „Pachamama“ (Mutter Erde) meint es gut mit uns. Denn obwohl es hier momentan ungewöhnlich viel Regen hat, bleiben wir meist von den starken Schauern verschont bzw. können unser Zelt gerade noch rechtzeitig aufstellen.

Am 19.09.2011 überqueren wir die Grenze nach Bolivien, unserem 23. Reiseland. Über Copacabana führt uns eine wunderschöne, hügelige Panoramastraße entlang es Lago Titicaca und weiter nach La Paz. Eigentlich haben wir „Bienen unter´m Arsch“ und freuen uns auf mehr Bolivien, doch ein im Zoll hängendes Paket mit dem sehnlichst erwarteten, neuen Kameraobjektiv, verschafft uns etwas Extra-Zeit in dieser faszinierenden Stadt. Mit 3.600 Meter ist La Paz die höchst gelegene Hauptstadt der Welt. Als drückt uns die Daumen, dass wir bald wieder „weiter reiten“ können *g*!

Alles Liebe!
nandita (mit Kaffee und leckerem Schokokuchen im Bauch)

3 Kommentare zu “Entlang des Lago Titicaca nach Bolivien”

  1. Manu schreibt:

    Einfach nur schön!! Gratuliere euch zu den 20.000 km :) Schönes Gefühl nicht wahr? Weiterhin noch eine gute Fahrt!
    Liebe Grüße aus der Heimat,
    Manu

  2. Baumi schreibt:

    Danke, dass wir wieder ein Stück mitradlen durften mit Euch. Und die Fotos sind wie immer genial! Weiterhin gute Fahrt und viel Vergnügen bei den nächsten 20.000 km! :-) Lg, Baumi

  3. MuH schreibt:

    salü,
    ab und an surfen wir auf eurer seite vorbei – schön von/über euch zu lesenQ
    alles gute weiterhin
    MuH (die genussradler aus der konditorei am strand von riga, die heuer genussvoll in bulgarien und mazedonien herumgeradelt sind)

    ps: meldets euch, für den fall, dass ihr wieder einmal in oö seids!

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Gepostet am 26.09.2011 um 01:28 in Kategorie Bolivien, Peru