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Argentinien – Asado, Wein und Wüstenfüchse

Grobe Route:
Paso Jama – Susques – San Antonio de los Cobres – Salta – Cafayate – Belen – Chilecito – Villa Union – San Agustin del Valle Fértil – Mendoza – Valle de Uca – San Rafael – Bardas Blancas – Barancas

Der Paso Jama war bis vor einigen Jahren eine der schwierigsten Andenüberquerungen und nur wenige Radler quälten sich tagelang über schlechte Schotter- und Sandpassagen von Chile nach Argentinien oder vice versa. Heute ist er jedoch durchgehend asphaltiert und obwohl er uns wieder auf über 4.700 m führt, recht einfach zu fahren – vor Allem, wenn man einige Wochen Südwest-Bolivien in den Beinen hat :-) . Nichtsdestotrotz ist die Fahrt ein landschaftlicher Genuss, wieder geht es durch faszinierende Hoch-Anden Landschaft mit viel Weite, bizarren Büsser-Eisfeldern, stahlblauem Himmel und sagenhaften, fast an Raumschiffe erinnernden Wolkenformationen.

Am 29.10. erreichen wir die internationale Grenze nach Argentinien, unserem 25. Reiseland. Unsere Vorfreude ist groß. Die Abfertigung geht recht einfach, schnell kann man nicht sagen. „Drüben“ erwartet uns eine super-moderne „YPF“-Tankstelle, an der man sogar mit Kreditkarte zahlen kann! Klopapier und Papierhandtücher am sauberen, weiß gefliesten WC, gratis Drahtlos-Internet im schicken Café und Cappuccino mit richtigem Milchschaum aus einer italienischen Espressomaschine, dazu frisches Plundergebäck … „Welcome back to Civilization“. Das Ganze ist jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack, denn sobald wir kurz vor Susques auf die legendäre Ruta 40 abbiegen, zeigt sich uns Argentinien von einer ganz anderen Seite: Anspruchsvolle, einsame Pisten, sandige Schiebepassagen, ärmliche Puna-Dörfer und spärlich bestückte Läden … Mit knapp 5.000 km gilt die „Cuarenta“ als die längste Straße der Welt, etwa 1.000 km länger als die „Route 66“ in den USA. Von Nord nach Süd durchquert sie das Land, immer am östlichen Abhang der Andenkordillere entlang, 60% Asphalt und 40% Schotter, Sand und Geröll.

Tagebucheintrag Anita
Di, 01.11.2011 – Sierra de los Cobres
„… Immer weiter pedalen wir uns hoch und verstehen die Dame der Tienda erst jetzt: „Una sola subida“ – ein einziges Bergauf. Außer uns nur ein paar Vicuna-Herden und verlassene Hirtenhäuser. Keine Menschen, kein Verkehr. Zu unserer Linken wird ein perfekt geformter Vulkan immer größer, die vertrockneten, schwarzen Lavafelder reichen fast bis zum Pampagras. Endlich geht’s ein Stück runter. Doch dort ist der Sand so tief, dass wir erst recht wieder schieben müssen. Eine Herde Esel betrachtet uns skeptisch, dann scheint sie uns unauffällig zu folgen. Jedes Mal wenn wir uns umdrehen, bleiben sie wie versteinert stehen – als würden sie mit uns spielen …“

Eine letzte, frostige Nacht auf knapp 4.000 m, weitere 20 km Anstieg auf den Abra Blanca, dann ist es endlich so weit: Uns erwarten ca. 140 km Abfahrt nach Salta, davon 100 km auf Asphalt. Könnte ein netter Radtag werden – doch wieder kommt es anders als erhofft. Schon bald bremst uns ein starker Talwind, der an unseren Kräften zehrt. Wir sind froh, am späten Nachmittag doch noch das Örtchen Campo Quijana zu erreichen. Zu unserer großen Überraschung finden wir einen gemeinde-eigenen Campingplatz vor, auf dem wir für 3 Euro und mit zwei prall gefüllten Einkaufstüten einchecken. Die heiße Dusche ist ein Traum, das kühle Bier noch viel besser. Der 2.400 Höhenmeter-Downhill hat uns in ein herrliches Klima katapultiert. Schlemmen, bis uns die Bäuche fast platzen, sitzen bis Einbruch der Dunkelheit im kurzen Shirt vorm Zelt und über uns zwitschern die Vögel … was für ein neues Lebensgefühl :-) .

Während ihr Zuhause bereits Glühwein trinkt und euch mit Schal und Winterjacke gegen die Kälte abschirmt, packen wir all das warme Zeug ganz unten in unsere Satteltaschen, schmieren uns Sonnenchreme ins Gesicht und starten die Grill-Saison – Aaaah, Frühling in Argentinien! Die Sonnenseite des Lebens hat uns wieder :-) .

In der netten Kolonialstadt Salta gönnen wir uns ein paar Ruhetage und stellen schnell fest, dass die Uhren hier etwas anders ticken, als wir es gewohnt sind. Zwischen 13 und 17 Uhr herrscht Siesta, und die wird hier ganz ernst genommen! In keinem anderen lateinamerikanischen Land wird die ausgedehnte Mittagsruhe so akribisch durchgezogen wie hier. Alle Geschäfte, Ämter, Schulen, Werkstätten und andere Dienstleistungsbetriebe sind geschlossen, auf den Straßen keine Menschen. Irgendwie verständlich, denn die Mittagshitze hat es wahrlich in sich. Erst gegen Abend kehrt das Leben in den Straßen wieder zurück. Alt und Jung ist unterwegs, hell, dunkel, Frauen in farbenfrohen Kleidern und hochhackigen Schuhen, Männer in legerer Freizeitmode oder schicken Business-Anzügen, Kinder schlecken an grell-bunten Eiskugeln. Obwohl letztes Jahr die Inflation im Lande etwa 25 % betrug und Argentinien wieder einmal schwierige Zeiten durchlebt, ist davon wenig zu spüren – zumindest im Zentrum der Stadt. Die Saltenas lassen es sich trotz Allem gut gehen. Unzählige Einkaufstüten tragen sie in den Händen, in den Restaurants und Cafes wird nach Lust und Laune konsumiert und bullige Pick-ups und schnittige Sportvehikel rollen durch die Straßen. Ein Land voller Kontraste …

Tagebucheintrag Anita
Mo, 07.11.2011 – Salta
„… Nach dem Frühstück gehen wir gleich zur Post, wo uns fast der Schlag trifft. Anscheinend waren die Paket-Preise, die sie uns am Samstag gegeben haben, nicht korrekt, denn das 3-kg Paket kostet gut 50 Euro. Naja was soll´s. Mitschleppen wollen wir das Zeug nicht mehr länger. Beim Versenden müssen wir ganz korrekt den hoch-bürokratischen und veralteten Ablauf einhalten. Zuerst wird der Inhalt vom Zoll geprüft, danach alles in eine Schachtel verpackt, mit Packpapier eingewickelt und ab zum nächsten Schalter, wo uns eine geschätzte 120-jährige Dame begrüßt. Drei verschiedene Papiere müssen wir ausfüllen. Hier ein Pickerl, dort noch eines. Unterschiedliche Stempel werden auf alle Zettelchen gedrückt. Was die Dame mit drei Abschlägen der Dokumente macht, weiß ich nicht, für uns ist keiner dabei. Ist schon lustig, da kommt man in Argentinien an, hat auf der erstbesten Tankstelle Drahtlos-Internet und dann wird auf der Post alles händisch erledigt und zig tausendmal abgestempelt. Als wäre man in Südeuropa oder Griechenland, nur dass die Preise nordeuropäisch sind …“

Weiter auf der Ruta 40 gen Süden. Die nächsten Tage gestalten sich verhältnismäßig einfach, das Radfahren macht richtig Spaß und die herrlichen Temperaturen lassen in uns ein bisschen Urlaubsfeeling aufkommen. Easy Days! Wir passieren von Menschenhand geschaffene Oasen mit Apfel- und Olivenbäumen, einigen Zypressen und Palmen, schillernden Stauseen. Ein bisschen wie in der Toskana, mit einem Touch exotischem Flair. Plötzlich sind wir keine Gringos mehr, fallen unter den vielen weißhäutigen Menschen nicht mehr wirklich auf und Hunde sind wieder Freunde! Nicht nur einmal leistet uns ein freundlicher, Schwanz wedelnder Wuffi beim Lagern Gesellschaft, bewacht unser Zelt und bettelt geduldig nach Futter. Da die Argentinier selbst ein begeistertes Camper-Volk sind, gibt es fast in jedem kleinen Ort einen preiswerten Gemeinde-Campingplatz. Die Ruta 40 ist zudem wenig befahren und recht einsam, man kommt jedoch regelmäßig durch Ortschaften mit Nachschubmöglichkeit. Wenn uns zu Mittag der Hunger packt, machen wir es uns oft neben einem der zahlreichen, mit roten Bändern und Fahnen geschmückten Schreine von Gauchito Gil gemütlich, die meist unter schattenspendenden Bäumen platziert sind. Gauchito Gil ist ein von der katholischen Kirche nicht anerkannter Volksheiliger, eine Art Argentinische Variante des „Robin Hood“ und gleichzeitig Beschützer aller Reisenden.

Tagebucheintrag Anita
Mi, 09.11.2011 – Quebrada de las Conchas
„… Im Morgenlicht schlängeln wir uns durch die Quebrada de las Conchas. Die roten Felsen leuchten, Jardon-Kakteen kleben an den Hängen und farbenfrohe Ara-Schwärme ziehen durch das Tal. Das Panorama wird immer schöner, und als sich das Flusstal schließlich wieder öffnet, werden die kargen Felsen von Weingärten abgelöst. Das satte Grün ist wie Balsam für unsere Augen, der Duft der Blumen wie Parfum …“

Tagebucheintrag Anita
So, 13.11.2011 – Londres
„… Grauenhafte Nacht, wenn ich 10 Minuten Schlaf zusammen bringe, ist es viel! Gerade als ich am Einschlafen bin, trifft eine Gruppe „lustiger“ Teenager ein und singt – besser gesagt schreit – die ganze Nacht durch. Es wird geklatscht und die Gitarre gewürgt – aber ganz ehrlich: So falsch wie das ist, würde man sie selbst gerne würgen. Um 5 Uhr früh reicht es mir! Stehe auf und frage sie, ob es nicht möglich wäre, wenigstens eine Stunde dieser Nacht schlafend zu verbringen … „I love you“, höre ich von einem. Das ist schon alles. Eine Minute Ruhe und weiter geht’s. Kurz nach sechs stehen wir auf, schlafen können wir ohnehin nicht mehr. Auf der Bank sind zwei Burschen „übrig geblieben“, die immer noch voller Hingabe irgendwelche Schnulzen kreischen. Schrecklich, aber irgendwie müssen wir schon wieder über diese verrückte Nacht lachen … Erstaunlich fit treten wir in die Pedale, vorbei an grünen, gepflegten Gärten, Nussbäumen und blühenden Sträuchern. Die Kilometer rasseln, doch als wir an der nächsten Kreuzung nach links abbiegen, begrüßt uns heftiger Gegenwind. Selbst die Bäume geben seiner Kraft nach, uns raubt er sie. In San Blas de los Sauces shclagen wir unser Zelt am „Camping Municipal“ auf. Es wäre hier auch richtig gemütlich, würden sie die Grillstellen und vor Allem das Klo öfter putzen. Egal, die 20 Pesos sind etwas mehr als sonst, dafür können wir duschen und die Klamotten wieder einmal waschen. Gerade als wir am Kochen sind, hält ein kleines Auto vor uns. Vier ältere Damen steigen aus, bewaffnet mit großen Thermoskannen voll heißem Wasser, Mate, Zucker, frischen Tortillas und Dulce de Leche. Die sonntägliche Mate-Runde, bei der es viel zu erzählen gibt – und auch viel zu lachen. Die vier „Golden Girls“ kichern wie Teenager vor sich hin, umso mehr, als sich ein adretter Herr zu ihnen gesellt. Gerade als unser Abendessen fertig ist, bringt uns die 81-jährige Felicinda ein Teller mit Dulce de Leche Broten rüber. “Asi somos, los Argentinos!“ (so sind wir Argentinier), sagt sie und drückt uns ein herzliches Küsschen auf die Wange. Sie ist ganz begeistert davon, dass wir aus Österreich kommen. „Aah, Viena! Y la musica!“, schwärmt sie, stimmt einen Walzer an und tanzt ein paar Schritte über den mit Laub bedeckten Boden. Als junge Frau hatte sie die Möglichkeit, nach Amerika zu gehen. „Pero no los quiero!“ (aber ich mag sie nicht, die Amis). Sie hätte ihr Land nie verlassen, sie liebe es einfach viel zu sehr. Auf ihr Herz hat sie immer gehört und ist anstatt in die USA zu gehen, in den Süden Argentiniens. Patagonien. Als Köchin hat sie dort gutes Geld verdient und auch ihren Mann kennen gelernt …“

Die Landschaft wird, je weiter wir südlich kommen, immer karger. Niedriges Dornengestrüpp und endlose Weite. Oft haben wir gegen heftigen Wind zu kämpfen und die schurgerade Straße für uns alleine. Pampa wohin das Auge reicht. Dann und wann kreuzt ein Wüstenfuchs unseren Weg und nicht nur einmal verirrt sich ein kleiner Skorpion auf unseren Lagerplatz. Nach einigen Tagen in der Wüste wird es irgendwann mal richtig eintönig – und so versuchen wir es zum ersten Mal auf der gesamten Reise mit Musik aus dem MP3-Player. Haben riesen Spaß dabei, fahren tanzend und singend durch die Gegend und wundern uns, warum wir das nicht schon früher ausprobiert haben. „Rock the Desert!“ :-) . Kurz vor Villa Union scheuchen wir einige türkis-grün-farbige Loros auf, die eine Zeit lang parallel neben uns her fliegen, mehrmals ganz knapp vor uns die Staße queren und dabei fast unsere Köpfe streifen. Fast wie Delfin-Schwimmen :-)

Tagebucheintrag Andi
Fr, 18.11.2011 – Valle Fertil
„… Es gibt Tage, an denen man ohne große Erwartungen startet und dann umso mehr überrascht wird. So ein Tag ist heute. Er beginnt nicht sehr anders, als sonst. Frühstück auf einer Beton-Sitz-Garnitur des Camping Municipal, packen und los geht’s. Der Wind heute ausnahmsweise von hinten, sogar recht kräftig. Wir fliegen förmlich durch die eintönige Gegend. Die Straße permanent leicht gewellt, als hätte jemand Land und Straße auf 50 km wie eine Ziehharmonika zusammen gestaucht. Heiß ist es, Schatten gibt es wenig. Sogar Gauchito Gil lässt uns in Stich. Bis Mittag schaffen wir es nach Marayes, einem trostlosen Kreuzungs-Kaff, wo wir in der staubigen Bushaltestelle jausnen. Wir münden nun in die Ruta 41, die uns direkt nach San Juan und weiter nach Mendoza führt. Etwas mehr Verkehr, vorwiegend LKWs, endlose, heiße Pampa. Dank des Windes und der meist flachen Straße nicht zu anstrengend. Bis 15:30 Uhr schaffen wir es nach Bermejo. Der Tacho zeit hundert Kilometer an. Vorräte und Wasser sind knapp, bräuchten Nachschub fürs Abendessen. Der nächste Ort, Vallecito, erst in knapp 40 km. Überlegen ernsthaft, ob wir diese Etappe auch noch in Angriff nehmen sollten. Wollen es dann aber mit Auto-Stopp versuchen, da sich die Landschaft ohnehin seit Tagen nicht mehr geändert hat und es brütend heiß ist. Wir haben tatsächlich Glück, denn nach etwa 20 Minuten bremst sich Gustavo mit seinem Pick-up ein. Er sei gerade auf dem Heimweg von einem Business-Trip und könne uns bis Mendoza mitnehmen. Unglaublich! Damit haben wir nicht gerechnet! Ganze 250 km langweilige Fahrt auf viel befahrener Straße! Schnell laden wir Räder und Gepäck auf die Ladefläche, damit er es sich ja nicht noch anders überlegt :-) . Gustavo ist Verkäufer für technische Produkte, die unter anderen in Minen Verwendung finden. Sehr gesprächig und interessiert, das Telefon läutet oft, am liebsten würde er 100 Dinge auf einmal erledigen. Während der gesamten, über 3-stündigen Fahrt, wird es uns nicht langweilig. Wir erfahren viel über seine Heimatstadt und bekommen einige gute Tipps mit auf den Weg. Früher sei er selbst mal mit dem Rucksack unterwegs gewesen und habe deshalb angehalten. Damals hat er sich auch immer über eine Mitfahrgelegenheit gefreut. Die Außenbezirke im Norden von Mendoza wirken schäbig, und wir sind beide froh, dass wir hier nicht durch müssen. Beim Eingang zu einem Campingplatz, etwa 10 km vorm Zentrum, verabschieden wir uns, nur um dann von den Portieren zu erfahren, dass geschlossen sei. Es wird etwas mühsam und stressig, da es bereits dämmert und die Gegend nicht gerade als sicher gilt. Mit Glück landen wir schließlich am „Camping de los Graficos“, der zwar auch geschlossen ist, wo man aber Erbarmen mit uns hat und uns auf einem kleinen Flecken Wiese zelten lässt. Dass etwas Hundekacke herum liegt, keine Duschen vorhanden sind und es allgemein nicht recht sauber ist, macht uns heute nix mehr. Sind eigentlich nur überrascht, bereits heute in Mendoza angekommen zu sein! Ganze 350 km in einem Tag! Anita würde sagen: „Die da oben haben heute wieder ganze Arbeit geleistet“ … „

Knapp 2 Wochen (ohne Ruhetag) benötigen wir, um von Salta nach Mendoza zu gelangen. Es ist wieder an der Zeit, es sich richtig gut gehen zu lassen! Wir quartieren uns in einem günstigen Hostal mit dem passenden Namen „Malbec“ ein, schlendern durch die breiten, baumbestandenen Alleen und genießen alle Vorzüge, die Mendoza zu bieten hat, wie zum Beispiel den Wein. Etwa drei Viertel der argentinischen Weine kommen aus der Region, rund 1.200 Bodegas produzieren gute, oft hoch qualitative Tröpfchen und einer der bekanntesten Weine hier ist der Malbec. Natürlich kosten auch wir uns fleißig durch das Sortiment und genießen es mal wieder, eine große Hostal-Küche benutzen zu können. Als Andi eines Abends leckeres Röstgemüse zaubert, schaut ihm ein argentinischer Hostal-Gast skeptisch über die Schulter und fragt: „Que es esto?“ (was ist das?) – „Verdura!“ (Gemüse). Darauf hin antwortet er: „Cuando nosotros comemos esto, morimos!“ (wenn wir das essen, sterben wir). Und das muss wohl in der Tat so sein, denn die Argentinier sind berühmt für ihren überdurchschnittlichen Fleischkonsum. Für die Meisten ist es unvorstellbar, nicht täglich Fleisch zu konsumieren. An den Wochenenden trifft man sich zum „Asado“, einer Grillerei, die hier fast wie eine Religion zelebriert wird. Unter einem halben Kilo Fleisch pro Person ist fast ein Skandal. Dazu gibt’s Rotwein und Weißbrot. Manche sollen sogar Salate, Gemüse oder Saucen dazu essen, wir haben dies jedoch noch nie gesehen :-) .

Tagebucheintrag Anita
Sa, 19.11.2011 – Mendoza
„… Wollen den Tipp von Gustavo ausprobieren: „Caro Pepe´s Tenedor Libre“, Argentiniens Antwort auf „All-You-Can-Eat Buffets“. Genau das Richtige für zwei ausgehungerte Radfahrer. Als wir um 21 Uhr vor der Tür stehen, ist der große Saal noch fast leer. Argentinier essen nicht vor 22 Uhr zu Abend. Super feine Speisen, viele vegetarische Gerichte, natürlich eine alles dominierende Grill-Station und ein feines Nachspeisenbuffet. Schick Essen gehen kann man das wohl eher nicht nennen, aber ein absolutes Erlebnis. Nach und nach füllt sich das Lokal, von Großfamilien, über super-sexy gekleideten Teenagern, bis zum pensionierten Ehepaar. Das ganze Dinner rundet ein grauhaariger Schnulzensänger ab, der mit seinem Mikrofon von Tisch zu Tisch zieht und unzählige Zettelchen in die Hand gedrückt bekommt, um jemandem Geburtstagsgrüße oder Liebesgeständnisse zu übermitteln. Unsere Mägen platzen fast, als wir uns zum Ausgang bewegen. Und so Mancher wird mir wohl auf der Straße eine Schwangerschaft in die Schuhe schieben …“

Die Straßen und Gehwege von Mendoza sind breit, der Verkehr moderat und die Menschen wirken fast ausnahmslos fröhlich. Die vielen Bäume, Plazas und Grünflächen sind wie kleine Oasen. Im riesigen Parque San Martin flacken wir uns ins Gras und sehen den Menschen beim Sporteln zu. Es ist viel los während der Siesta. Jogger, Radfaher, Inline-Scater, Long-Boarder, Fussball-Teams beim Training, Leute beim Picknicken oder Eis Essen, verliebte Teenies. Mendoza hat einen positiven „Vibe“ für uns und wir würden es noch locker einige Tage länger hier aushalten. Doch die Versuchung ist groß, viel mehr Geld auszugeben, als man eigentlich will ;-) . So ziehen wir lieber wieder weiter und radeln durch die unendlichen Weingüter südlich von Mendoza.

Tagebucheintrag Andi
Mi, 23.11.2011 – Bodega Andalhue
„… Weiter durch baumbestandene Alleen, nicht mehr ganz so feine Gegenden, teils auf Radwegen, teils auf enger Straße. Wir passieren riesige Weingüter (Bodegas), Weingärten und Knoblauchfelder. Dass es hier viel Wein gibt, wissen wir. Aber vom Knoblauch spricht niemand. Voll beladene Transporter überholen uns und verlieren dann und wann eine Knolle. Perfekt, so brauchen wir keinen zu kaufen :-) . Rechts von uns die Cordillera Portilla mit ihren schneebedeckten Flanken und Gipfel. Nach einigen Kilometern knickt die Straße nach links und beginnt anzusteigen. Es ist schon später Nachmittag, wir sind müde. So fragen wir in der kleinen Bodega Andalhue nach einer Campingmöglichkeit. José Blanco, der Chef persönlich, erlaubt uns, direkt neben der Bodega auf feiner Wiese zu zelten. Klein sei sein Weingut, nur 8 ha Land. Insgesamt hätte er 100, aber den Großteil verwendet er zur Produktion von Speisetrauben. Seit einigen Jahren stellt er Biowein her. Gerade vorher war die für die Zertifizierung zuständige Dame hier. Gleich am Eingang ein Schild: „José Blanco e Hijos – Fair Trade“. Er selbst kenne sich mit Wein nicht so gut aus, aber mit dem Weinanbau sehr wohl. Schwierig sei es, die Konkurrenz ist groß. Riesig wohl eher. Und die Leute kaufen lieber „Marken“ als vom familiären Weingut. Schade, denn nur weil der Wein den 3-fachen Preis hat, heißt es nicht, dass er besser ist. José führt uns in die Lagerhalle, in der etwa 100.000 Flaschen gelagert sind und zeigt uns den Degustationsraum. Wir kaufen uns natürlich ein Fläschen mit für’s Abendessen. Die teurere Klasse, einen „Malbec José Blanco Reserva 2006“, Eichenfass-gelagert. Die farbenfrohen Etiketten hat er vor einigen Jahren eigens für den japanischen Markt designen lassen. Doch der Export sei ein schwieriges Geschäft – vor Allem ohne Fremdsprachen-Kenntnisse. Seine ganze Hoffnung liegt in seinen Kindern, die kurz vor Abschluss ihrer Studien sind und später das lukrative Exportgeschäft ankurbeln sollen …“.

Wieder wird es einsam, windig und rau. Wir folgen weiterhin der Ruta 40, die südlich von Mendoza mit einigen sehr langen, monotonen Etappen auf uns wartet und seinem abenteuerlichen Ruf mehr als gerecht wird.

Tagebucheintrag Andi
Mo, 28.11.2011 – kurz vor Ranquil del Norte
„… Ein guter Rückenwind und die meist sanft abfallende Straße lassen uns bis Mittag 55 km zurück legen. Die rasante Fahrt endet an einer Brücke, die über eine spektakuläre Schlucht führt. Das Wasser hat sich seinen Weg durch altes Lavagestein gesucht. Etwa 15 m breit, senkrechte, 10 m hohe, pechschwarze Wände. Unten donnert ein von der Schneeschmelze lehmig gefärbter Fluss durch. Leider ist ab hier für die nächsten 60 km Schluss mit lustig bzw. Asphalt :-) . Es geht tendenziell wieder bergauf und es ist brütend heiß. Keine Bäume, kein Schatten. Mittag machen wir unter dem lichten Schatten eines Busches. So gut wie kein Verkehr. Mühsam ist es, doch wir kämpfen uns gut voran. Nach knapp 90 km erreichen wir eine Brücke. Eigentlich sollte sich laut Karte und der Info mehrerer Personen hier ein Örtchen befinden, in dem wir unser Wasser aufstocken können. Doch außer einem Schild und einem verlassenen Lehmhaus gibt es weit und breit nichts. Unser Wasser ist fast aufgebraucht, der nächste Ort über 40 km entfernt. Genau das sollte einem Radfahrer niemals passieren. Wir bleiben ruhig, halten einen Pick-up an. Der Fahrer meint selbstbewusst, dass um die Ecke einige Häuser seien. Passt! Doch wieder nichts. Es ist spät, die heutige Etappe war hart und die Entfernung in den nächsten Ort zu weit. Also entschließen wir uns, alle Autos zu stoppen, die unseren Weg kreuzen, um nach Wasser zu fragen. Gleich der nächste Pick-up versorgt uns mit 3 Liter Wasser und der Auskunft, dass es nach einem kurzen Anstieg nur noch bergab ginge. Der Anstieg ist aber viel länger und steiler als angenommen, so enden wir nach 100 km Tagesleistung am Straßenrand und stellen unser Zelt auf. Von verschieden Autos kratzen wir uns genügend Wasser fürs Abendessen zusammen, ergattern sogar einen halben Liter Limonade und verbringen eine ruhige und angenehme Nacht inmitten dieser wunderschönen Steppenwüste …“

„Bienvenidos a la region Patagonia“, begrüßt uns der nette Herr von der Turi-Info am anderen Ende der Brücke über den Rio Barrancas. Unsere Freude ist groß! Doch nicht nur der Herr von der Turi-Info heißt uns willkommen, auch der hier so berüchtigte Wind stemmt sich uns sogleich heftig entgegen und gibt uns einen ersten Vorgeschmack auf die Wildheit dieser Region. Doch das ist eine andere Geschichte ;-)

Hasta pronto und eine schöne Adventzeit,
nandita

4 Kommentare zu “Argentinien – Asado, Wein und Wüstenfüchse”

  1. Hans&Brigitte schreibt:

    boah!
    wir sitzen auch beim rotwein und sind richtig sprachlos.
    Daumendrück!!!
    Cool, das wir euch kennen!

  2. Marcelo Torra schreibt:

    Hello Friends ……….. just greet them and wish them luck, because we’re home and the San Martin sought to give a small gift and left the Bar and Dublin, but good photo and I pass Greetings …………….. Good Life.

    Marcelo.
    where they pass the picture ????? The blog is in German, the conveyance does not take or is in Austria,

  3. Chris schreibt:

    Hallo Andi, hallo Anita,

    Feliz Ano Nuevo de hermano!

    Lange habe ich nichts hören lassen und schon ist ein Jahr vergangen. Eure Statistik ist unglaublich mit über 25.000 Reisekilometer und über 200.000 Höhenmeter und die Tortur kaum nachvollziehbar. Aber diese Zahlen mit Leben gefüllt mit all Euren Abenteuern, Erlebnissen, Bekanntschaften und Geschichten ist das was unauslöschlich in Euren Herzen bleiben wird. Ich verfolge immer noch gespnnt Eure Geschichten, warte immmer noch sehnsüchtig auf Eure neuesten Berichte und Fotos und es bleibt immer spannend und abwechslungsreich und erfüllt mich immer aufs Neue mit großer Freude. Ich bin so unendlich stolz, dass Ihr diesen Mut habt das zu realisieren und auch so durchzieht, dass Ihr nun schon über 20 Monate unterwegs seid und auch nach 20 Monaten noch jeden Moment genießt und auskostet. Für mich ist es ein unglaublich wertvolles Geschenk, dass mein Bruder mit seiner Freundin mit dem Fahrrad die Welt bereist. Auch wenn ich mich selten melde seid Ihr immer in meinem Herzen. Und ich freue mich sehr zumindest durch das Lesen Eurer Berichte und Anschauen Eurer Fotos Eure Leidenschaft zu teilen.

    In brüderlicher Liebe

    Chris

  4. stefan müller schreibt:

    Servus wieder mal Andi und Anita,

    ist doch immer wieder gut, eure texte zu lesen, ein wenig reisen, in Gedanken….lustige Texte, wirklich ! da sind die Hunde wieder unsere Freunde geworden, uuuhhh da bin ich aber froh, gibt s doch noch nette Hunde auf diesem Kontinent ! :)

    Wie geht s euch so ? wo seid ihr ?

    Hawaii war super, viel gebadet ! :) und auch gesurft natürlich, aber natürlich nie so Abenteuerlich und abwechslungsreich wie eine Radreise.

    So bin ich seit Anfang November wieder in der Schweiz und geniesse den Luxus hier in vollen Zügen :) wieder arbeiten und so, ja ja, muss auch sein, aber geht schon wieder ganz gut…

    Übrigens hab ich grad geschaut, wann der PWA contest am neusiedlersee ist: 27. April-1. Mai, nicht verpassen he :) oder was habt ihr noch für weitere Pläne ??

    Also dann, macht s gut !

    Gruess stef

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Gepostet am 06.12.2011 um 23:41 in Kategorie Argentinien