Nordpatagonien und die Carretera Austral
Grobe Route:
Chos Malal – Zapala – San Martin de los Andes – Bariloche – El Bolson – Esquel – Futaleufú (CHILE) – Villa Santa Lucia – Puyuhuapui – Coihaique – Puerto Bertrand – Cochrane – Tortel – Villa O’Higgins – El Chalten (Argentinien)
Seit unserem letzten Eintrag sind nun schon einige Wochen vergangen, doch wir waren nicht untätig und sind mittlerweile verhältnismäßig weit gekommen – es fehlen uns noch ca. 800 km bis nach Ushuaia. Der Grund für den verspäteten Update ist leicht erklärt: Auf der sonst eher verregneten und ungemütlichen Carretera Austral war das Wetter trocken, warm und sommerlich, was wir natürlich zum Weiterfahren nutzen mussten. Zudem gab´s in den kleinen, abgelegenen Orten meist kein oder viel zu lahmes Internet und überhaupt hatten wir ehrlich gesagt viel zu viel Spaß, als unsere wertvolle Zeit mit „Arbeit“ zu verschwenden
. Doch erst mal von Vorne:
Die ersten Tage im argentinischen Teil Patagoniens sind geprägt von kräftigem (meist Gegen-)Wind und monotoner Pampalandschaft. Wir haben ordentlich zu strampeln um einigermaßen voran zu kommen. Zufällig treffen wir in Chos Malal auf Kanada-Matt, einem „alten“ Radler-Kollegen. Gemeinsam reisen wir einige Tage Richtung Süden und sprengen dabei unseren Tages-km Rekord, der nun Dank eines überraschend starken Rückenwindes bei 146 km liegt
. Ab Junin de los Andes freuen sich unsere, mittlerweile unter Grün-Entzug leidenden Augen über erste Pinien, denn ab hier wird die Landschaft immer grüner. Das Chilenisch-Argentinische Seengebiet nordwestlich von Bariloche wird gerne als die „Schweiz Südamerikas“ bezeichnet. Glasklare Seen und Flüsse, schneebedeckte Berge, grelle Blumenwiesen und üppige Wälder erwarten den Besucher. Doch seit mehr als einem halben Jahr leidet die Region unter den Folgen eines Vulkanausbruches. Begonnen hat alles im Juni 2011. Der Puyehue spuckt über Nacht eine Mischung aus Sand und Asche, weite Teile der Gegend westlich des Vulkans sind am darauffolgenden Morgen mit einer 30 cm grauen Schicht bedeckt. Seit diesem Tag ist der Puyehue aktiv, bläst in einem fort Asche in die Atmosphäre. An windigen Tagen herrscht grauer Nebel, das feine Pulver dringt in alle Ritzen und Poren, das Atmen fällt schwer. …
Tagebucheintrag Anita
Fr, 09.12.2011 – Lago Nahuel Huapi
„… Die Landschaft die sich vor uns auftut, stimmt uns beide nachdenklich. Verlassene, in Asche versunkene Häuser, Blumen, die sich mühselig ans Licht kämpfen und Tiere, die anstatt im Gras zu stehen, Asche fast bis zu den Knien haben. Um die Mittagszeit erreichen wir Villa La Angostura, einer der wichtigsten Tourismusorte der Region. Eigentlich sollten alle Hotels um diese Zeit ausgebucht sein, doch es wirkt recht ruhig. Vor den Restaurants riesige Aschehaufen, die Straßen werden ständig mit Wasser besprengt, um nicht noch mehr aufzuwirbeln. In der staubigen Bushaltestelle essen wir Käsebrote, beobachten die mit Sand und Asche beladenen LKWs. Der starke Wind verwirbelt noch mehr „Ceniza“, die fast gezwungen auf unserem Mittagessen landet … Als wir etwa 20 km nach Villa La Angostura die holprige Piste zum Camping „Don Horacio“ runter rollen, staunen wir nicht schlecht. Grün! Doña Angelika begrüßt uns mit einem warmherzigen Lächeln, meint, wir sollten uns ein nettes Plätzchen suchen. Sei ohnehin niemand außer uns da. Sie und ihr Mann leiden am gleichen Schicksal wie alle Anderen in der Region. Asche über Asche, die Touristen bleiben diese Saison aus. Aber was will man machen? Einfach weiter. Putzen, Bewässern und hoffen, dass der „Spuk“, im wahrsten Sinne des Wortes, bald vorbei ist. 80 LKWs haben sie benötigt, um ihr Grundstück von der Asche zu befreien. Keine einzige Beschwerde hören wir von ihnen, obwohl sie es alles andere als einfach haben. Es sei ihr Leben, sagt sie. Dieses Grundstück und der Camping. Seit über 110 Jahren lebt Angelikas Familie hier. Strom haben sie nur, wenn sie den Generator anwerfen. Aber „Paz“ (Frieden) hätten sie, viel „Paz“. So wirkt es tatsächlich. Auch wir tauchen ganz tief ein und saugen die gute Energie dieses herrlichen Flecken Erde in uns auf, während Doña Angelika und ihr Mann unterm Vordach einer einfachen Holzhütte Mate schlürfen und auf den See blicken. Hoffnung und Zuversicht braucht man, und den Mut, wieder einen Schritt weiter zu gehen – egal, was einem geschieht …“
Südlich von Bariloche verlassen wir die betroffene Region wieder und atmen tief durch. Wir folgen der Ruta 40 weiter in den Süden, besuchen das Aussteiger- und Hippie-Dorf El Bolson und erfreuen uns am angenehmen Klima und den Bergpanoramen. Schwer behangene Kirschbäume säumen den Weg und in den kleinen Bauernhöfen werden Früchte und selbst gemachte Produkte verkauft. Bei Esquel drehen wir die Lenker nach rechts und biegen Richtung Chilenische Grenze ab …
Tagebucheintrag Anita
Fr, 16.12.2011 – Grenze AR / CH nach Futaleufu
„… Vor der argentinischen Grenze futtern wir die restlichen Nüsse und müssen danach eine Weile warten, denn der Chef, wie er sich selbst nennt, hat gerade keine Lust – obwohl eine lange Warteschlange hinter uns steht. „Hasta manana!“, sagt der arrogante Zöllner und geht tatsächlich zu seinen Kollegen rüber, um Mate zu schlürfen. „Soy el chefe!“. Typisch Argentinien, denke ich mir. Gnädigerweise kehrt der werte Herr nach zehn Minuten wieder zurück, um all unsere Daten mit dem Adler-Such-System in den Computer einzugeben. …“
Besucht man Argentinien oder den südlichen Teil Chiles, muss man sich unweigerlich mit dem Mate-Kult auseinandersetzen, denn der wird immer und überall getrunken. Beim Autofahren, beim Schlange-Stehen im Supermarkt, während der Arbeit oder am Abend vorm warmen Holzofen. Es handelt sich um ein bitteres Aufgussgetränk, welches mit der „Bombilla“, einer Art Metall-Strohhalm aus einer mit „Yerba-Mate“ gefüllten Kalebasse gesaugt wird und als Lebenselixier Argentiniens gilt. Doch Mate ist viel mehr als nur ein Getränk. Meist wird er in geselliger Runde genossen, wobei jeder aus der gleichen Kalebasse trinkt. Der gleiche Aufguss wird unzählige male mit heißem Wasser aufgegossen und geht wie eine Friedenspfeife durch die Runde. Auch wir haben uns mittlerweile mit einem Mate-Set ausgerüstet und überlegen schon, wie wir das Ganze wohl am Besten am Lenker befestigen können, damit es immer griffbereit ist
.
Mit dem Grenzübertritt nach Süd-Chile wartet das nächste, große Abenteuer auf uns. Ein lange gehegter Traum und sicherlich eines der Highlights aller Südamerika-Radler: Die „CARRETERA AUSTRAL“. Üppiger Regenwald, schneebedeckte Berge, Gletscher, Flüsse und Seen, unzählige Wasserfälle und viel Regen prägen diese einst gottverlassene Gegend. Lange Zeit war der südliche Teil Chiles nicht zugänglich, erst 1976 wurde mit dem Bau der „Carretera Austral Presidente Pinocet“ begonnen. Das letzte Teilstück nach Villa O’Higgins wurde erst vor 14 Jahren vervollständigt. Auf den Radnomaden warten harte Etappen. Miese Schotterpisten und gemein-steile Anstiege, als Belohnung eine einzigartige „Wildnis“. Je nach Wetterlage kann die Carretera Austral ein absoluter Genuss oder eine nicht endend wollende Qual sein – vor allem, wenn man zu spät feststellt, dass Regenklamotten und Packtaschen einmal wasserdicht waren
. Eines ist sie jedoch gewiss: Unvergesslich …
Tagebucheintrag Andi
Mo, 19.12.2011 – Lago Risopatron
„… In der Nacht hat es wieder geregnet. Feucht-kühl der Morgen, frühstücken im Zelt. Die Wolken hängen tief, und grad, als wir alles zusammenpacken, prasseln dicke Regentropfen auf die Zeltplane. Etwas widerwillig schlüpfen wir in die immer noch feuchten Regenklamotten und folgen weiter dem Rio Palena, der mit seinem türkis-farbenen Wasser einen wunderschönen Kontrast zur verregneten Landschaft bildet. In den nassen Klamotten kühlen unsere Körper bei jeder Pause schnell aus. Ungemütlich ist es. Mal wird der Regen mehr, mal weniger. Am Lago Risopatron halten wir am Nationalpark-Campingplatz. Haben keine Lust mehr weiter zu radeln. Klatschnass spazieren wir den matschigen Weg zum Camping runter, der Regen prasselt immer noch vom Himmel. „We enjoy this all so much!“, sagt John zu mir, und wärmt seine Finger über dem lodernden Feuer. Er und seine Frau Cathy sind seit drei Wochen in Patagonien, ebenfalls Radfahrer. Das grauenhafte Wetter scheint ihnen nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil. Freudestrahlend stehen sie vor uns und drücken uns gleich eine heiße Tasse Tee in die Hand …“
Seit einigen Jahren plant die chilenische Regierung gemeinsam mit ausländischen Firmen an einem sehr umstrittenen Projekt, da in der Hauptstadt Santiago und in den großen Minen des Landes mehr und mehr Energie benötigt wird. Der Plan sieht vor, einige Flüsse in Chilenisch-Patagonien aufzustauen und den gewonnenen Strom mittels Hochspannungsleitungen in die 2.000 km entfernte Hauptstadt zu leiten. Die Folgen für das einzigartige Ökosystem wären fatal, der Tourismus würde unter dem mit zahlreichen Hochspannungsmasten verschandelten Landschaftsbild leiden und mit der Abgeschiedenheit und Idylle wäre es vorbei. Die Initiative „Patagonia Sin Represas“ setzt sich mit diversen Programmen und Aktionen gegen die Pläne ein, was einem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Da es wie immer um sehr viel Geld geht, sind die Fronten verhärtet und der Konflikt noch lange nicht ausgetragen …
Tagebucheintrag Andi
Do, 22.12.2011 – Villa Amengual
„… Señora Veronica hat ein kleines Hostal in Villa Amengual. Bei Mate wird in der Küche diskutiert. Alle 150 Meter soll ein Hochspannungsmast aufgestellt werden, den Grundstücksbesitzern wird ein verlockendes Angebot unterbreitet. Schwer sei es, Leute zu mobilisieren, denn viele brauchen das Geld für das Studium ihrer Kinder, das sie sonst niemals finanzieren könnten. So treten sie ihr Land an die ausländischen Firmen ab. Dass der Geldfluss jedoch nur kurzfristig währt, das bedenken viele nicht. Mit Arbeitsplätzen locken sie, doch nach einigen Jahren, sobald die Dämme und Leitungen gebaut sind, wird ein Großteil der Leute wieder auf der Straße stehen und der unwiderrufliche Eingriff in die Natur wird für immer bleiben. Die Regierung solle lieber Alternativen im Tourismus fördern, meint sie und schlürft nachdenklich an ihrer Bombilla. Denn sobald sich die Hochspannungsleitung quer durch die Landschaft zieht, wird es vorbei sein mit dem einzigartigen Flair Chilenisch-Patagoniens …“
Tagebucheintrag Anita
Do, 22.12.2011 – Questa Quelat
„… Regen die ganze Nacht über, auch am Morgen keine Pause. Drehen uns hin und her, schlafen immer wieder kurz ein und hoffen, dass wir beim nächsten Mal Aufwachen kein Regenprasseln mehr hören. Tja, das Warten hilft nicht, so quälen wir uns auf, frühstücken und packen alles zusammen. Erfreulicher Weise wird der Regen dann doch noch weniger, sobald wir wieder auf den „Eseln“ sitzen, geht’s erneut los. So macht’s nicht ganz so viel Spaß, auch wenn die regenschirm-großen Nalcablätter und die moosbewachsenen Bäume im Regen noch hübscher aussehen. Nach einigen Kilometern Auf und Ab steigt die Straße stetig an. Kurven uns langsam die Questa Quelat rauf, das Thermometer zeigt fünf Grad und wir nähern uns immer mehr der Schneefallgrenze. Als wir endlich den höchsten Punkt überwinden und den Downhill hinab düsen, können wir uns gar nicht mehr erwärmen. Versuchen uns unter einem Holzverschlag mit heißem Tee etwas aufzuwärmen, was leider keine Wirkung zeigt. Also wieder rauf aufs Rad und hoffen, dass bald ein Gegenanstieg die Kälte aus unseren Gliedern vertreibt. Und tatsächlich funktioniert das wunderbar und etwas später kommt sogar noch die Sonne zum Vorschein …“
Ab diesem Tag kommt die Sonne immer öfter zum Vorschein, die dunklen Regenwolken verschwinden vom Himmel und das Thermometer klettert wieder auf sommerliche Temperaturen. Am Weihnachtstag treffen wir erneut auf die beiden Australier Cathy und John, beschließen gemeinsam zu feiern und finden ein ganz besonderes Fleckchen am Rio Simpson für unser Weihnachtscamp. Etwa 20 km bevor wir unser Lager erreichen, gesellt sich eine zierliche, junge Hündin zu unserer „Herde“, läuft fröhlich neben uns her. Den gesamten Weihnachtsabend und sogar die Nacht bleibt „Sandra Claus“ bei uns, freut sich über unsere Essensreste und die extra Streicheleinheiten. Kochen fein auf und teilen all unser Essen gemeinsam, später gibt’s Weihnachtskuchen mit Dulce de Leche und während der Mate seine Runden dreht, knistert das Feuer und Sandra Claus schläft wie ein kleines Baby neben uns ein …
Tagebucheintrag Anita
Mo, 26.12.2011 – El Blanco
„… Traumhaft geschlafen – und wieder Kaiserwetter! Vorbei an gelben Blumenfeldern und kahlen Hügeln, radeln wir weiter in Richtung Süden. Die Natur hat sich immer noch nicht ganz von den großen Feuern in den 40-ern erholt. Damals wollten die ersten Siedler das Land mit Hilfe von Feuer urbar machen, doch diese gerieten außer Kontrolle, brannten mehrere Jahre. Alleine in der Region Aysen wurden etwa 50 % des Waldes vernichtet … Kurz vor El Blanco lesen wir auf einem Schild „Se vende verdura“ und drehen schnurstracks um, da unsere Gemüsevorräte zur Neige gehen. Leider sei alles aus, antwortet Señor Andrés, und lehnt sich auf den Holzzaun zwischen uns. Ganz interessiert stellt uns der alte Herr Fragen und gerät dabei selbst ins Schwärmen, über „sein“ Patagonien. Das satte Grün, die herrlichen Farben. Patagonien sei zu jeder Zeit wunderschön. Sein ganzes Leben hat er hier verbracht und erkennt immer noch den Zauber seiner Heimat. Ganz alleine lebt er hier, zum Weihnachtsfest hatte er Besuch von seiner Tochter. Beim Verabschieden reiche ich ihm die Hand, wünsche ihm „Feliz Navidad“ und bemerke, wie seine uralten Augen immer glasiger werden. Ich weiß nicht, was in diesem Menschen voller Erinnerungen im Herzen vorgeht, aber in diesem Moment ist es auch nicht wichtig. Ganz selbstverständlich umarme ich ihn und drücke ihm ein Küsschen auf die Wange … Manchmal sind es klitzekleine Augenblicke, die wie eine Ewigkeit erscheinen und für einen Moment lang alles und jeden verbinden … “
Eigentlich wollen wir schon seit einer Weile ein paar Ruhetage einlegen, die Oberschenkel rufen förmlich danach. Doch das Wetter ist einfach zu herrlich, um jetzt zu pausieren. Von Tag zu Tag wird die Landschaft interessanter, Gletscher leuchten mit ihrem ewigen Eis, türkisfarbene Flüsse, tief blaue Seen wohin das Auge reicht. Können einfach nicht genug bekommen von den herrlichen Farben und den skurrilen Wolkenformationen am Himmel … Und wären da nicht die vielen lästigen Pferdebremsen, könnten wir’s noch mehr genießen. Als wären die steilen Anstiege nicht genug, müssen wir währenddessen auch noch die kleinen Blutsauger verjagen
.
Weiter geht es entlang des Lago General Carrera, dem zweitgrößten Binnengewässer Südamerikas. Der von Gletschersediment türkis gefärbte See gibt uns fast das Gefühl, am Meer zu sein. Wir nehmen uns viel Zeit, pausieren am Seeufer und beobachten Kondore, die in der Ferne ihre Kreise ziehen.
Die letzten Kilometer nach Cochrane, einem ruhigen, vergessen wirkenden 3.000 Seelen-Dörfchen, laufen wie von selbst. Neujahr steht vor der Tür. Checken am kleinen Campingplatz direkt im Zentrum ein und feiern in gemütlicher Radler-Runde den Start ins Jahr 2012. Ruhig geht man hier das neue Jahr an, kein einziger Böller, kein Feuerwerk. Nur die Sterne, die für uns am Firmament leuchten. Auch wir lassen das neue Jahr ohne Stress angehen und gönnen uns am 1. Jänner einen verdienten Ruhetag frei nach Radlermanier. Frühstücken königlich, plündern den Camping-eigenen Kirschbaum, essen kaiserlich zu Mittag und grillen zur Krönung abends groß auf, sodass wir sogar den Hausherren zum Staunen bringen.
Gemeinsam mit Cathy und John geht es weiter, immer im typischen Carreterra-Stil – steil und anstrengend auf und ab, die Vegetation wird wieder üppiger. Links und rechts ragen moosbewachsene Baumriesen in den Himmel, umgeben von dichtem, undurchdringlichen Primärwald. Der Rio Baker bildet kurz vor seiner Mündung in den Pazifik ein breites Delta und erinnert an den Amazonas. Wir machen einen Abstecher nach Tortel, dem regenreichsten Ort Chiles.
Tagebucheintrag Andi
Do, 5.01.2012 – Tortel
„… Bedeckt der Morgen, ein kühler Wind lässt uns frösteln. Bald setzt leichter Regen ein, wir queren den kleinen, über Nacht etwas angestiegenen Bach, der unseren Lagerplatz von der Carretera trennt. In voller Regenmontur treten wir die 16 km bis zum Parkplatz an, wo wir unsere Räder parken müssen. Das Wegnetz in Tortel besteht ausschließlich aus Zypressenholz-Stegen und -Stiegen, die alten Holzhäuser kleben an einem steilen, sumpfigen Hang, der bis an den vom Rio Baker lehm-braun gefärbten Fjord reicht. Freuen uns, dass wir das Dorf in typischem Tortel-Wetter erleben dürfen – leichter Nieselregen und kühl. Rosalinda, die Besitzerin der kleinen Dorftienda, beklagt sich, dass es in den letzten Wochen viel zu heiß gewesen sei und ihr der Regen fehle. „Ay que calor!“ – (ach, was für eine Hitze!). Das hiesige Wasserreservoir ist leer, die Stromturbine kann nicht betrieben werden. Mit Dieselgeneratoren wird teure Energie erzeugt. „Gut, wenn der Sommer endlich vorbei ist“, meint sie und holt das hausgemachte Brot aus dem Holzofen. Über ein Labyrinth aus Stegen und Stiegen gelangen wir ins „Zentrum“, welches aus ein paar Gemeindegebäuden, einer Holzkirche und einem auf Stelzen im Wasser stehenden Hauptplatz besteht. Es hat den Anschein, als würde die Zeit hier still stehen. Die alten, feuchten Holzhäuser modern vor sich hin, in Holzkisten wird etwas Gemüse angebaut. Seit ein paar Jahren tröpfeln in der etwa 2 Monate andauernden Hauptsaison ein paar Touristen herein. Jorge hat ein kleines Restaurant – „El Mirador“. Er erzählt uns, dass das Leben hier zwar ruhig und beschaulich, aber gar nicht einfach sei. Ein bis zwei mal im Monat muss er nach Coyhaique zum Einkaufen fahren – 450 km eine Strecke. Oft falle der Strom aus, alles sei aufgrund der langen und beschwerlichen Anfahrtswege überteuert. Trotzdem würde er hier nicht mehr weg gehen. Die Leute halten zusammen, alle sind eine große Familie. Nicht wie in der „großen“ Stadt …
Tagebucheintrag Anita
Fr, 6.1.2012 – Puerto Yungai
„… Mitten in der Nacht werde ich von einer vorbeiziehenden Kuhherde geweckt, die ganz knapp an unser Zelt kommt. Ein letzter Anstieg liegt vor uns, die Gletscher rutschen näher, Wasserfälle stürzen an allen Seiten des Tals in die Tiefe. Oft sitze ich vor den leeren Seiten meines Tagebuchs und weiß nicht mehr, wie ich das, was wir erleben, in Worte kleiden soll. Jeder Tag auf der Carretera ist für uns ein großes Geschenk … Puerto Yungai erreichen wir schneller als gedacht und stehen eine Stunde vor Abfahrt der kleinen Fähre über den Mitchell Fijord am Hafen. Perfekt, so haben wir Zeit für’s „Desayuno Dos“. Kochen uns Kaffee, essen Brötchen mit Käse und Avocado und gönnen uns danach im kleinen Negocio einen hausgemachten Kuchen mit Nüssen und Dulce de Leche. Die 8-jährige Tochter von Senora Inez freut sich über die Abwechslung, einen nach dem anderen spannt sie zu einer Runde Ballspielen ein, bekommt vom vielen Herumtollen ganz rote Backen. Sie lebt mit ihren Eltern hier als einzige Familie. Kein Wunder, dass es einem da manchmal langweilig wird. Zur Schule geht sie im 130 km entfernten Cochrane. Volle 10 Tage bleibt sie dort, in Begleitung von ihrer Mama, dann geht`s wieder zurück nach Hause. Senora Inez „vertreibt“ sich währenddessen ihre Zeit mit stricken. Jacken, Mützen und Taschen fertigt sie. Alles aus Naturwolle und mit viel Liebe und Kleinarbeit hergestellt …“
Auf den letzten 100 km vor dem „Ende der Straße“ begegnet uns nur ganz selten ein Auto. Die Wildheit und Abgeschiedenheit dieser Region fühlt sich gut an. Da es immer noch heiß und trocken sind, hüpfen wir das eine oder andere mal in einen der zahlreichen Naturpools mit Wasserfall-Dusche, die direkt am Straßenrand liegen und von den mächtigen, fast zum greifen nahen Gletschern gespeist werden. Das letzte Dorf auf der Carreterra Austral ist Villa O´Higgins, welches sich durch seine Isoliertheit einen ganz eigenen, an die Pionierzeit erinnernden Charme bewahrt hat. Von hier aus kann man entweder wieder umdrehen, oder die beschwerliche Überquerung nach El Chalten, Argentinien, antreten. Der erste Abschnitt dieser Etappe besteht aus einer Fähr-Passage über den Lago O´Higgins. Wir buchen die Überfahrt und müssen wegen Sturmwarnung einen Extra-Tag in Villa O´Higgins einlegen. Landen im kleinen Refugio von Don Ramon, das Wetter schlägt um und wir sind froh, eine kleine Stube mit wärmenden Holzofen ganz für uns alleine zu haben – perfektes Timing
. Heizen den Ofen an, suchen noch mehr Feuerholz und waschen unsere Wäsche. Danach gibt’s frisch gebackene Brötchen aus dem Ofen und ein riesen Blech Pizza und leckere Lasagne. Draußen regnet es, wir schlürfen Wein und der Holzofen bringt unsere Gesichter zum Glühen. Ein gebührender Abschluss der legendären Carretera Austral.
Mit der Fähre überqueren wir in 2 ½ Stunden den Lago O´Higgins. Dichte, mit wasser gefüllte Wolken hängen über den Bergen. Gemeinsam mit den Reiseradlerinnen Megs und Jules (Australien), sowie Chris und Jako (USA / Holland), radeln und schieben wir die steile, 18 km lange Schotterpiste hoch bis zur argentinischen Grenze. Bald lassen die Wolken ersten Regen aus, welcher sich in der Höhe in Schnee und sogar Hagel verwandelt. Von hier an führt ein schwieriger Esels-Pfad bis an den Lago El Desierto. Die 6 km unfahrbar. Steil ist es, es geht über morsche Baumstümpfe, Steine und schlammige Flussbette. Stemmen die Packesel rutschige Böschungen hinauf, waten durch sumpfige Wiesen. Die vorderen Packtaschen verhängen sich ständig im Buschwerk, oft müssen wir sie abnehmen um voranzukommen. Über 4 Stunden benötigen wir für diesen Abschnitt. Zerschunden, dreckig und mit blauen Flecken stehen wir am Abend unten an der Argentinischen Migración. Der Grenzbeamte nimmt uns schnell die Pässe aus den Händen, damit wir ja nicht auf die Idee kommen, mit unseren matschigen Schuhen in sein Büro zu stapfen …
Tagebucheintrag Anita
Mi, 11.12.2012 – Lago el Desierto
„… Kühl war die Nacht, aber ich hab geschlafen wie ein Stein. Kein Wunder nach der Schlepperei von gestern! Die sonst nie beanspruchten Muskeln schreien laut auf, als ich versuche mic von der Thermarest zu lösen
. Chris und Jaco sitzen schon beim Morgenkaffee, wir gesellen uns dazu. Die Mädels schlafen noch und auch der Fitz Roy trägt heut morgen sein Schlafmützchen. Das eine oder andere Mal nimmt er sie kurz für uns ab. Der Vormittag vergeht mit dem vielen Lachen und Geplaudere viel zu schnell, so dass wir alle kurz in Stress geraten, als sich die kleine Fähre dem Bootssteg nähert. In Windeseile bauen wir die Zelte ab, verstauen unser Zeug in den Taschen und satteln die Räder. Puh! …“
Am anderen Ende des Lago El Desierto erwartet uns eine andere Welt. Die Vegetation ändert sich schlagartig. Kleine Grillplätze säumen die Straße, schicke Autos kommen uns entgegen – Ferienzeit. Bienvenidos a Argentina! Bald finden wir uns in trocken-kahler Landschaft wieder, El Chaltén ein Touristenmagnet mit teuren Supermärkten und All-You-Can-Eat Pizza-Restaurants. Staubige Spitzenbergsteiger und geschminkte Großstadt-Tussis treffen auf windgegerbte Reiseradler und an Yedi-Ritter erinnernde Motorradfahrer. Doch lange halten wir´s hier nicht aus, zu aufgeregt sind wir, wenn wir an die nächsten Wochen denken. Für uns steht nun die nächste große Etappe an – die Fahrt durch die berüchtigt-windige Pampa Südpatagoniens und Feuerlands, bis schließlich die Straße etwas südlich von Ushuaia enden wird …
Windzerzauste Grüße,
Anita und Andi


19.01.2012 um 20:41
Schön, euch wieder zu sehen/lesen, hab schon sehnsüchtig drauf gewartet
Dickes Bussl von daheim!
21.01.2012 um 00:22
Hi Guys,
Great to read your blog!
We are in Cerro Castillo.
Hope to catch up with you in
Puerto Natales.
xxxx
J + C
22.01.2012 um 19:08
Hallo ihr beide. War cool euch kennen zu lernen in Calafate. Vor allem das gegenseitige inspieren fuer neue Radelresepte… lecker, lecker
Ich wuensche euch noch eine gute Weiterreise und wenig Wind in Patagonien. Wir sind praktisch mit null Gegenwind (dafuer oft mit Rueckenwind) nach El Chalten gelangt und freuen uns auf die Carretera.
Alles Gute
Samuel und Simi
24.01.2012 um 02:19
Hola Anita y Andrés!
cómo va el pedaleo?? Espero sigan con su viaje y ya les quede menos para llegar a Usuhaia y despues a la India, fue un gusto compartir la ruta con ustedes, ahora con Daniel ya estamos de vuelta en Santiago trabajando en el hospital =( …pero siempre pedaleando!
un abrazo y mucho éxito!
31.01.2012 um 16:20
hey guys.
getting close to the end of the S. American road! it’s great to be able to follow along.
we’re just settling back into Madison, WI. no jobs yet! lots of time to ski and bike
best wishes on your travels. We look forward to eating a pastry with you guys in Austria.
AnE